Lemgo (pro). Wer reine Buchvorstellungen erwartet hatte, wurde am vergangenen Wochenende im Saal der Bücherei eines Besseren belehrt: So gab es zum Abschluss noch eine unerwartete musikalische Zugabe, und noch dazu fielen die letzten regulären Minuten des Halbfinalspiels der Herren-Weltmeisterschaft im Handball genau mit den ersten der Lesereihe "Ganz Ohr sein" zusammen. Pragmatisch räumten die Verantwortlichen, Förderverein und Büchereileiter Axel Koch, die Zeit bis zur Verlängerung ein. Mit dieser kleineren Verzögerung ging man über zu den mitgebrachten literarischen Favoriten von Petra Fecke (Leitung Heinrich-Drake-Schule), Torsten Buchner (Schulrat für den Kreis Paderborn und die Stadt Bielefeld), Ute Koczy (Bündnis 90/Grüne, Fairtrade Lemgo) und Karl-Heinz Mense (Leiter der Stadtverwaltung), der in der Runde den Anfang machte. Im zarten Alter von siebzehn Jahren sind Karl-Heinz Mense die Ausführungen in John F. Kennedys "Zivilcourage" zu etwa neun Senatoren und rund zweihundert Jahren US-Amerikanischer Geschichte während eines Krankenhausaufenthalts das erste Mal begegnet – und haben sich nachhaltig in seinem Gedächtnis etabliert. "Wir finden hier die Geschichten von Menschen, die ihr persönliches Weiterkommen hinter einer Überzeugung angestellt haben", fasste er das Grundthema der Publikation zusammen. Der vorgestellte Ausschnitt befasste sich mit den Ereignissen um den von Senator Henry Clay verfassten Kompromiss von 1850, der den amerikanischen Bürgerkrieg um weitere elf Jahre hinauszögerte.
Von Nord- nach Südamerika reiste Ute Koczy mit den Zuhörern, genauer nach Feuerland –dort angesiedelt ist das Werk "Land der Feuer" der argentinischen Autorin Sylvia Iparraguirre: Im Jahr 1830 nimmt der britische Missionar und Kapitän FitzRoy mehrere junge Yámana-Indianer mit nach Großbritannien und entwurzelt dort unter anderem den Jungen Jemmy Button von seiner Heimatkultur. Jahre später, bei seiner Rückkehr, zeigen sich die Folgen der angelsächsischen Sozialisierung. Der historische Roman basiert auf Tatsachen, die durch die Autorin sorgfältig recherchiert wurden und enthält in Teilen originale Wortlaute aus Dokumenten dieser Zeit. Zurück im Hier und Jetzt stieß man auf den Sieg der Handballnationalmannschaft gegen Norwegen an und tauschte Eindrücke aus der ersten Lesehalbzeit aus. Das wahrscheinlich allgemein bekannteste Literaturstück des Abends hatte Petra Feck mitgebracht, und las eine Passage aus dem Roman "Ein ganzes halbes Jahr" von Jojo Moyes, in der sich die Hauptprotagonisten Lou und Will zu Tisch befinden. Zudem lobte sie die Leichtigkeit der Figur Lou, die einen zwanglosen Umgang mit Wills Handycap pflegt. Im Dialog mit Moderatorin Elisabeth Webel ging Petra Fecke zudem auf ihre Arbeit als Schulleiterin, die damit verbundenen bürokratischen Querelen, und den schönsten Lohn der Lehrtätigkeit ein: "Die größte Motivation sind die Rückmeldungen von Schülern, das Menschliche – nach Jahren wieder von ihnen selbst zu hören, was aus ihnen geworden ist." Das Finale bestritt schließlich Torsten Buncher, ehemals Leiter der Südschule, und gemeinsam mit Co-Gast Karl-Heinz Mense im Vorstand der Partnerschaftsgesellschaft der Stadt Lemgo. Nach spannenden Details aus der Arbeit der Gesellschaft ließ er die Zuhörerschaft an Episoden aus Tschingis Aitmatows "Der erste Lehrer" teilhaben, und überraschte schließlich mit einer Einlage aus seinem Repertoire als Teil des Duos "Mr. Blues", was den Schlusspunkt des Abends bedeutete.
