LOCCUM (jan). Die Kisten sind bereits gepackt, viele Möbel verschenkt und nur noch wenige Patienten haben einen letzten Termin zur Behandlung: Christiane Anhelm geht in den Ruhestand und löst ihre Praxis für Logopädie in Loccum auf.
Mitten im Auszug hat Christiane Anhelm einen Anruf bekommen. Von einem Mann aus Baden-Württemberg, den sie vor Jahrzehnten in einer Gruppen-Therapie behandelt hat. Der Mann brauchte damals Hilfe, weil er als Kfz-Mechaniker seine Meisterprüfung machen wollte. Aber wie sollte er, als Stotterer, das schaffen? Er hat es geschafft, mit Hilfe der Logopädin – und erinnert sich heute noch dankbar daran. Dass er sich ausgerechnet nun bei ihr meldete, in der Zeit, in der sie aufhören will, war für Anhelm ein besonders schöner Moment. Nach ihrem Examen hat Christiane Anhelm nur kurz als Angestellte gearbeitet, bevor sie sich selbständig machte. Engagiert hat sie sich seinerzeit nicht nur in ihrer Praxis, sondern auch berufspolitisch: Etliche Jahre leitete sie den Baden-Württemberger Zentralverband für Logopädie. Ihre Praxis lief in diesen Jahren so gut, dass sie Patienten irgendwann auf drei Jahre Wartezeit vertrösten musste. Das wollte sie jedoch nicht hinnehmen und machte aus ihrer Ein-Frau-Praxis eine Praxis mit Angestellten. Freude an ihrem Beruf hatte sie auch dann noch. Lediglich der höhere Bürokratie-Aufwand war ihr ein Graus. "Das", sagt sie, "habe ich nie lieben gelernt." Die kleine Praxis in einem Wohnhaus in Loccums Krummer Straße hat sie vor 21 Jahren eröffnet. Damals, als ihr Mann Fritz Erich Anhelm Direktor der Evangelischen Akademie Loccum wurde und die Familie von Baden-Württemberg ins niedersächsische Loccum zog. Quasi bei Null hat sie wieder angefangen und neue Kontakte in neuer Umgebung geknüpft. Seitdem hat sie in dem Haus Kinder, Jugendliche und Erwachsene behandelt. Mit Stimm-, Sprach- und Schluckstörungen sind Patienten von Ärzten zu ihr überwiesen worden. Von Kleinkindern mit Sprach-Auffälligkeiten über Jugendliche mit Zungen-Fehlfunktionen bis zu Schlaganfall-Patienten reicht die Palette derer, die ihr gegenüber gesessen haben. In Rehburg-Loccum ist sie in dieser Zeit die einzige praktizierende Logopädin gewesen. Das ist nun Geschichte. Neue Patienten hat sie schon seit einigen Monaten nicht mehr angenommen. Behandlungen hat sie versucht, weitestgehend abzuschließen. Manche Langzeit-Patienten hat sie gebeten, sich nach anderen Logopäden in der Umgebung umzusehen. Mit 66 Jahren wollte sie Schluss machen mit der Arbeit und sich in andere Aufgaben stürzen. Die Arbeit im Vorstand des "KulTour-Vereins Rehburg-Loccum" gehört schon lange zu dem, was sie neben ihrem Beruf macht. In der Flüchtlingshilfe möchte sie nun mitarbeiten, möglichst in irgendeiner Form, die auch mit dem, was sie gelernt hat in Zusammenhang steht. Und dann soll auch endlich mehr Zeit da sein, in der sie sich um Familie, Haus, Hof und Freunde kümmern kann.Foto: jan
