1. Unbequeme Wahrheiten

    Hagen Rethers bitterböser Blick auf das Menschsein

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    Bad Salzuflen (nr). Er gehört nicht unbedingt zu denen, die es darauf anlegen, dem Publikum Lachsalven zu entlocken. Hagen Rether mag eher schwer Verdauliches und da wo andere Kabarettisten nebst Publikum erschöpft aufhören, sucht und findet er immer noch Laster und Unbill dieser Welt, die er seinem an sich so geneigten Publikum als Spiegel vor die Nase hält. Drei Stunden Missionarsarbeit gegen Bequemlichkeit, Obrigkeitsgehorsam und Gedankenlosigkeit in der Welt kostete das Publikum im Bad Salzufler Konzerthaus jedenfalls ein großes Maß an Aufmerksamkeit und Mitdenken. Da lagen Lachen und Weinen nur eine Handbreit auseinander.

    Wer zu Hagen Rether geht, muss die Komfortzone des Zwar-interessiert-Seins, aber das bitte bequem, verlassen. Oberflächlich betrachtet er den Wahnsinn in der Welt jedenfalls nicht. Dafür wächst die Zahl der Katastrophen ohnehin zu schnell. "Warum machen wir das?", fragt er mit Blick auf eine verkürzte Schul- und Jugendzeit. "Müssen die nach der Schule nicht erst mal einen Hauch von Ahnung bekommen, bevor sie in die Arbeitswelt geschubst werden? Ihre Wurzeln auf Bonsaigröße gestutzt – wo sollen die denn ihre Kraft herbekommen?"Überhaupt ist die Welt verquer, wenn ein Hagen Rether sie betrachtet. Akribisch führt er das Publikum von einem Gedankengewinde zum nächsten. Erklärt uns zu Weltmeistern des Durch-die-Weltgeschichte-Fliegens – und dabei brennen wir Asylantenheime ab. "Wir wollen Weltbürger sein und sind Nichtwähler." Schuld sind doch ohnehin die Politiker. Oder doch nicht? Denn während man sich lächelnd zurücklehnt, um die Schuld bei anderen zu suchen, hat Rether alle entlarvt. "Wir glauben doch nicht wirklich, dass eine Frau Merkel an allem Schuld ist? Was sind wir nur für Gartenzwerge?" Wählen sei doch eigentlich wie Zähneputzen. Wenn man es lässt, wird es braun." Er erzählt von zerstörerischem Lobbyismus, globaler Kriegsverliebtheit, von Sex und Gewalt, die in einem Atemzug genannt werden und davon, endlich mal wieder aus der Kuschelecke herauszukommen und Verantwortung zu übernehmen. Immerhin sei es unsere persönliche kulturelle Leistung im 21. Jahrhundert, täglich eine Fläche von Köln für Schweinefutter zu roden. "Unser Wohlstand steht auf Leichenbergen und wir werden immer effizienter", feuert er weiter. "Da kommen Menschen zu uns, die doch nur mal sehen wollen, wie das Spielzeug ist, das ihre Kinder für uns gemacht haben." Hagen Rethers Programm "Liebe", mit dem er seit vielen Jahren tourt, ist wandelbar. Erschreckend wandelbar sogar. Meint man, dass er in den drei oder vier Stunden eigentlich die meisten, hochbrisanten Themen entlarvt hat, so muss man nur wenige Zeit später feststellen, dass die Welt von immer neuen Katastrophen, perfide aufgebauten Fassaden und manipulierter Fortschrittlichkeit in die Knie gezwungen wird. Etwas, das Rether kalt lächelnd, aber dafür mit umso mehr Inbrunst aufdeckt und provokant in den Raum stellt. Paradoxien bestimmen das Leben und alle nehmen es hin – oder fast alle. Rether ist bissig, zynisch, ironisch und bekennend vegan. Man sieht es ihm nicht an in seinem schwarzen Anzug mit dem weißen Hemd und den streng zurückgekämmten, langen Haaren, aber hat etwas zu sagen. Viel sogar. Völlig unbeeindruckt vom gedanklichen Mainstream knüpft er perfekt konstruierte Fragen und Antworten zu den großen sozialen und politischen Themen unserer Zeit. Ein Weltversteher, Zweifler und Provokateur. Auf die Aussage seiner Zweifler "Wir können doch nicht die Welt retten", hat er die unumstößlich richtige Antwort: "Wer denn sonst?"

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