1. Oper als heilige Kunst?!

    Opernschule entwickelt eine zutreffende Theaterweisheit

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    Detmold (vfc). "Musik ist eine heilige Kunst"– weiß der Komponist in Richard Strauss‘ Oper "Ariadne auf Naxos", um im selben Moment festzustellen, dass der hehre Kunstanspruch durch Banalitäten der Realität oft eingebüßt werden muss. Diesen Zwiespalt zwischen Kunstanspruch und Praktikabilität trifft einen jeden Opern- bzw. Theatermacher. Wie weit darf die Kunst durch kunstferne Faktoren gemaßregelt werden? Meist geht es für die Kunst ja schlecht aus.

    Jüngst brachte die Opernschule der Musikhochschule Detmold in ihrer neuen Produktion "Konstanze auf Naxos", die eine umjubelte Premiere vor ausverkauftem Hause feierte, eine neue Variante des ewigen Zwistes zwischen Kunst und Kunstbetrieb auf die Bühne des Detmolder Sommertheaters. Was für den Komponisten aus Strauss‘ Oper zum leidigen Geschäft gehört, war für die jungen Studierenden und Regisseurin Birgit Kronshage eine Antriebsfeder, kreativ zu werden und dem Publikum zu zeigen, wie lebendig, realitätsbezogen und kunstvoll Oper im 21. Jahrhundert sein kann. Einziger Wermutstropfen dabei, dass diese Spielerei mit nur zwei Vorstellungen zu wenig und selten zur Aufführung gelangte. Kronshage hatte aus gegebenen Umständen, die eine Opernproduktion an einer Musikhochschule nun einmal mit sich bringt, eine Melange aus Richard Strauss’"Ariadne auf Naxos" und Wolfgang Amadeus Mozarts "Die Entführung aus dem Serail" kreiert. Von Strauss’ verwendete sie das "Vorspiel" seiner Oper. Hier wird dem Komponisten das Unmögliche abverlangt: Er soll eine Opera seria mit einer Opera buffa, also die tragische mit der komischen Komponente, zu einem schillernden Zwitterwesen verbinden und zu allem Unglück alles möglichst gestaucht binnen weniger Stunden Spieldauer über die Bühne gebracht haben. Im Anschluss an die Oper soll zum Amüsement der reichen und dabei leider auch kunstbanausigen Hautevolee ein Feuerwerk stattfinden. Der zweite Teil des Opernabends wurde, anstelle des originalen zweiten Aufzugs der Strauss‘ Oper, mit Mozarts Singspiel in einer gekürzten Version bestritten. Das Resultat derartiger Opern-Schnipselei mag Hüter der Werktreue zu einigem Unmut verleiten. Zumal Kronshage weniger drauf bedacht war, bei ihrer Inszenierung eine Kritik an der Opern- und Kunstwelt zu formulieren, als vielmehr die ungeahnten Parallelen zwischen den beiden Opernwerken aufzudecken. Der nach dramaturgischer Experimentierfreudigkeit und Bühnenlebendigkeit lechzende Opernbesucher hätte sich kaum eine kreativere Umgangsart mit der Kunst wünschen können. Die Einsicht dieser Inszenierung: Mozarts Singspiel scheint wie gemacht für den zweiten Aufzug der Strauss‘ Oper. So münzte Kronshage, vielleicht ein wenig dick mit dem Regietheaterpinsel auftragend, die Rolle des Komponisten in Mozart leibhaftig um. Mit roten Schoßröcken und barockösen Schnallenschuhen ist er der Leidtragende im Kunstbetrieb. Seine Verzweiflung seine bereits fertig komponierte Oper nun gemäß den Vorgaben des Auftraggebers einkürzen und zur Posse degradieren zu müssen, gerät ins Bodenlose (Die in ihrer Expressivität und Ausdrucksvielfalt anspruchsvolle Partie meisterte die junge Mezzosopranistin Rebecca Blanz mit enormer stimmlicher und darstellerischer Intensität). Während Primadonna (Anna Neufeld) und der Tenor (Hojong Song) wutentbrannt über so viel Kunstunverständnis seitens der Auftraggeber abreisen, wird Mozart von seiner Muse Zerbinetta (Anaya Hubach mit feinsinniger Koketterie und stimmlich ganz in ihrem Element) angeraten, die Handlung seiner bereits fertiggestellten Oper zu verändern. Gesagt, getan! Und zu aller Verblüffung funktioniert die nun folgend gekürzte Handlung der Mozartschen "Entführung" ebenso wie die der originären "Ariadne auf Naxos". Der rote Faden (oder ist es gar der Ariadnefaden?): Zwei Paare – Konstanze (Franziska Giesemann) und Belmonte (Maximilian Vogler) sowie Blonde (Anaya Hubach) und Pedrillo (Lennart Hoyer) müssen in orientalischen Gefilden gegen allerlei Widerstände zueinander finden. Das Spektrum reicht hier von von selbstgemachter Eifersucht, über den charmant geifernden Herrschertyp (Bassa Selim: Thomas Mittmann in der Sprechrolle des großen Herrschers, erfahrenes und versiertes Bühnentier durch und durch) bis hin zum brutalen Macho (Osmin: Bartolomeo Stasch mit einer für diese Partie perfekt austarierten Verbindung aus szenischer Spielfreude und einem sonoren, dabei präzisen Bass). Beide Paare meistern diese Auflage (stimmlich hier besonders Franziska Giesemann, die mit ihren beiden Arien eine ausdrucksstarke Konstanze gab) und der Komponist Mozart damit seinen Auftrag. Diese "Konstanze auf Naxos"-Kreation ist eine spielfreudigere, dadurch kurzweiligere Alternative zur durchkomponierten, langatmigeren Strauss‘ Variante. Wobei die fehlende Orchesterbegleitung, die durch die ausgedünnte Variante vom Klavier (Ivan Törzs) aus etwas mager ausfiel, dieses Missverhältnis ungewollt unterstützte. Während Mozarts Musik äußerst leichtfüßig und luftig vom Flügel eingefangen wurde, kann ein solches Instrument die reichhaltigen, changierenden Orchesterfarben der Strauss‘ Partitur nicht wiedergeben. Den jungen Stimmen, die noch nicht das expressive Volumen lyrischer, dramatischer Stimmen erreicht haben, kam die Klavierbegleitung allerdings zugute, wie auch das Raumvolumen des Sommertheaters. Eine fast kammermusikalische Interpretation der beiden Opern, wobei Mozart (der Schelm!) wieder bewies, dass seine Musik bei aller Leichtfüßigkeit doch höchste Ansprüche an die Sänger stellt: jedwede Unsicherheit, Intonationsunreinheit ist sofort hörbar. Manchmal bedürfen die Umstände außerordentlicher Maßnahmen. Dass mit Kunstwerken auch mal gespielt werden darf, beweist übrigens auch die Vergangenheit. Wahre Kunstwerke vertragen so manchen Beschnitt! Richard Strauss beschnitt die umfangreiche sinfonische Orchesterbesetzung seiner Opern "Salome" und "Elektra" so weit, dass sie in dieser reduzierten Fassung auch für kleinere Theater und Orchestergräben aufführbar wurde. Der Don Giovanni von Mozart ist in einer Prager- und Wiener-Fassung überliefert. Während die Sänger nach Neukomposition einzelner Arien gierten, war es kein geringerer als Auftraggeber Joseph II., der durch seine Mozart auferlegte Umarbeitung das buffoneske Element dieses Dramma giocoso intensiver herauszustellen gedachte. Strauss und Mozart waren Theatermacher genug, um die Kunst für die Praxis einzurichten. So stößt die im Programmheft zur Aufführung "Konstanze auf Naxos" geäußerte Hoffnung, "Mozart und Strauss mögen Nachsicht haben", bei den beiden Meistern sicherlich auf Zuspruch. Das ist die Altersweisheit der Theatermacher: Die Opernkunst sollte auch praktikabel sein!

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