BAD REHBURG (jan). Einen letzten Gang über alle Stationen des Maßregelvollzugszentrums in Bad Rehburg hat Michael von der Haar Heiligabend gemeinsam mit seiner Frau Erika gemacht. "Als Weihnachtsmann und Christkind", schmunzelt von der Haar – wie in all den anderen Jahren. So zieht er einen Schlussstrich unter mehr als 27 Jahren als Chefarzt.
Seinen 60. Geburtstag hat von der Haar vor wenigen Wochen gefeiert. Und hat bereits vor zwei Jahren beschlossen, dass er dann in Bad Rehburg ausscheiden will. "Mir hat die Aufgabe sehr lange sehr viel Spaß gemacht", sagt er. Erst wenige Monate war er in der Klinik als Assistenzarzt beschäftigt und hatte seine Facharztprüfung noch nicht hinter sich, als er 1987 gefragt wurde, ob er die Klinik leiten wolle. 250 Klinikplätze gab es damals in Bad Rehburg, Menschen mit Psychosen und Alkoholproblemen wurden behandelt. Neben einem kleinen Bereich im Maßregelvollzug gab es unter anderem auch noch Langzeit-Stationen, in denen Patienten bis zu ihrem Lebensende betreut wurden. Ein junges Team seien sie gewesen, erinnert sich von der Haar, was zum einen bedeutet habe, dass sie relativ unerfahren waren. Zum anderen aber auch, dass das Team viele neue Ideen hatte. Diese zielten auch darauf ab, Patienten mehr Freiheiten zu ermöglichen. Die bundesweit erste Station "Psychose und Sucht" ist 1988 in Bad Rehburg eröffnet worden, im selben Jahr wurde auch die erste Wohngruppe für Suchtkranke eingerichtet. Die "Bad Rehburger Fachtagungen" kamen 1991 hinzu – organisiert vom Verein "Freunde der Fachabteilung Bad Rehburg", deren Vorsitzender von der Haar über viele Jahre war. Jährlich ausgerichtet bis 2010, stets mit vollem Haus und bundesweit von Fachpersonal aus psychiatrischen Kliniken nachgefragt, waren diese Fachtagungen. "Das war eine ganz agile Zeit." Veränderungen standen erneut 1992 an, als die Landesversicherungsanstalt die Langzeittherapien aus Bad Rehburg abzog. Stattdessen kam vier Jahre später eine Institutsambulanz zu der Klinik hinzu. In diese Zeit fiel auch die Selbständigkeit der Klinik – sie wurde von Wunstorf getrennt und war nicht mehr nur ein Ableger der Psychiatrie. Weitere Veränderungen kamen – die weitreichendste lag wohl darin, dass 2005 vom Land Niedersachsen beschlossen wurde, die Landeskrankenhäuser zu privatisieren. Ab Oktober 2006 war Bad Rehburg nicht mehr für den Suchtbereich zuständig, sondern ausschließlich für Patienten im Maßregelvollzug. 112 Klinikplätze wechselten nach Wunstorf, in Bad Rehburg wurden 50 Betten im Maßregelvollzug auf 75 Plätze aufgestockt. Etliche große Gebäude in dem Ort standen nach dem Auszug von Teilen der Klinik leer. Bis heute ist es nicht gelungen, alle Gebäude neuen Nutzungen zuzuführen. Mit dem Maßregelvollzug, also der Unterbringung von Straftätern zum Therapieren ihrer Sucht, habe die Klinik durchaus Aufgaben übernommen, die nicht immer und überall mitten im Ort gerne gesehen wurden, sagt von der Haar. Aber ab Mitte der 1990er Jahre sei der Ortsrat Bad Rehburgs der Klinik immer entgegengekommen – gemeinsame Aktionen wie der Bau einer Treppe zwischen dem Park der Klinik und dem angrenzenden öffentlichen Park inklusive. Das ist einer der Aspekte, die von der Haar immer gefördert hat: keine Zäune sondern lieber "Brücken" bauen. Die Klinik in Bad Rehburg ist bundesweit das einzige Maßregelvollzugszentrum, das ohne Mauern und Zäune auskommt und sogar Besucher des Ortes einlädt, den Park der Klinik zu durchstreifen. Von der Haar ist optimistisch, dass das auch so bleibt, wenn er seinen Posten geräumt hat. Anfang Dezember erst war Niedersachsens Sozialministerin Cornelia Rundt zu Besuch in Bad Rehburg – der erste Minister-Besuch seit 20 Jahren, wie von der Haar sagt. Sie sei beeindruckt gewesen von diesem Maßregelvollzugszentrum und seinem Konzept und habe gesagt, dass sie derzeit keine Notwendigkeit sehe, daran etwas zu ändern. Dass von der Haar vorzeitig seinen Hut nimmt, hat mehrere Gründe. Neugierde auf etwas Neues ist einer davon. Deshalb macht er sich selbständig und will künftig davon leben, Gutachten zu schreiben. Die Lust darauf, auf eigenen Füßen zu stehen – das gehe zu diesem Zeitpunkt gut, denn seine vier Kinder seien fast alle mit ihrem Studium fertig. Enorm an Freiheit würde er außerdem gewinnen, allein schon dadurch, dass er nicht mehr Bereitschaftsdienst habe, immer in der Nähe sein müsse. Mehr Motorrad fahren, sich mit Fotografie auseinandersetzen, sich um "eine Menge Familie" inklusive einiger Enkelkinder kümmern und auch über das Alter nachdenken sind die Dinge, die er nun tun möchte. Ein wichtiger Grund aufzuhören ist für ihn aber auch, dass er "müde geworden" ist. Die Qualität der Arbeit in der Klinik hänge eng mit der Personalentwicklung zusammen –über die aber wiederum nicht in Bad Rehburg entschieden werden dürfe, sagt er. Neben seiner Aufgabe als Klinikleiter habe er von 2004 bis 2006 noch ein Studium in Organisations-Wissenschaften gemacht. Das habe ihm geholfen, viele Zusammenhänge und auch Missstände besser zu verstehen – aber nicht, sie beheben zu können. Oft sei er gegen Mauern gelaufen und das sei manches Mal frustrierend gewesen. Umso mehr freut er sich auf seinen neuen Lebensabschnitt. Foto: jan