1. Ich bin erst Mensch, dann Musiker

    Geiger Wojciech Wieczorek im Gespräch mit Venezia Fröscher-Cifolelli

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    Detmold (la). Am Donnerstag, 21. Januar, 19.30 Uhr, wird Wojciech Wieczorek als Solist mit dem Detmolder Kammerorchester (DKO) unter Leitung von Alfredo Perl auf dem Podium des Konzerthauses der Musikhochschule zu erleben sein. Auf dem Programm stehen neben Johann Sebastian Bachs berühmten Brandenburgischen Konzert Nr. 3 und Edvard Griegs Streichquartett op. 27 in der Fassung für Streichorchester, das Violinkonzert "Fernes Licht" von Pēteris Vasks. In diesem hoch virtuosen Konzert, das gut fünf Jahre nach der Emanzipation der baltischen Staaten 1996/1997 im Auftrag der Salzburger Festspiele entstand, ist Vasks’ erstes und bislang umfangreichstes Werk für Solovioline und Streichorchester.

    Wojciech Wieczorek ist dem Detmolder Kammerorchester seit mehreren Jahren als Konzertmeister verbunden. Neben seiner Position als Vorspieler der 1. Violinen am Landestheater Detmold widmet er sich intensiv der Kammermusik, dem Fußball und dem Münzsammeln. ? Was kommt zuerst? Die Geige, der Fußball oder die Münzen? W. W.: Mein Leben besteht nicht nur aus Musik. Ich interessiere mich auch für andere Bereiche: Ich bin großer Borussia-Dortmund-Fan, Münzsammler, ich angle gerne und gehe auf Pilzsuche. Das sind die Dinge, die meinen Alltag ausmachen und dieser Alltag baut mich zu dem Musiker, der ich bin. Ich bin ein Mensch, der Geiger ist. ? Ist die Herausforderung als Solist größer, entgegen der Position als Konzertmeister oder Vorspieler (Anm. der Redaktion: Der Vorspieler sitzt hinter dem Konzertmeister am 2. Pult der 1. Violinen)? W. W.: Lampenfieber ist immer dabei. Aber es ist für mich keine große Umstellung, ob ich nun im Orchesterverbund oder als Solist musiziere. Ich trete ja immer mal wieder als Solist auf, insofern ist die Situation ja nicht neu. Das Konzert am 21. Januar ist allerdings schon etwas Besonderes für mich – ein Heimspiel mit Sahnehäubchen! Denn ich werde vor dem Orchester stehen und hinter mir die Leute als Begleitung meines Solospiels wissen, die ich sehr gut kenne, mit denen ich Fußball gespielt, ein Bier getrunken habe. Auf meiner gegenüberliegenden Seite werden meine Familie und viele Bekannte sitzen, denen ich zeigen darf, was ich in den letzten 30 Jahren alles gelernt habe. Meine erste Geigenlehrerin, Ludmila Sołowiewicz, wird beispielsweise im Publikum sitzen. Ich schätze sie sehr! Sie hat mir gezeigt, was Geige spielen bedeutet. Bis heute besuche ich sie, wir trinken gemeinsam Kaffee und hören meine Aufnahmen an. Ich frage sie immer, was sie darüber denkt. Ihre Meinung ist mir unglaublich wichtig und so freue ich mich umso mehr, dass sie bei meinem Soloauftritt mit Vasks Violinkonzert dabei sein wird und mich nach vielen Jahren wieder einmal live in einem Konzert erleben kann. ? Wann haben sie zum ersten Mal Musik von Peteris Vasks gehört? W. W. (lacht): Vor einigen Monaten, als Herr Perl auf mich zukam und fragte, ob ich mit dem DKO dieses Violinkonzert musizieren wolle. Anfänglich war ich sehr skeptisch, ob ich ein Violinkonzert spielen sollte, von dem ich noch nicht einmal den Komponisten kenne. Dann habe ich mir mehrere Aufnahmen des Werkes angehört und war dagegen. Es schien so unglaublich schwer für mich zu sein. Es ist eines der anspruchsvollsten Violinkonzerte, die ich je erarbeitet habe. ? Was macht das Vasks Konzert so anspruchsvoll? W. W.: Alles! Die Virtuosität, die geforderte Musikalität und die Eigentümlichkeit, dass das Stück nicht zum Standardrepertoire zählt, also unbekannt ist. Die Schwierigkeit liegt für mich darin, das Violinkonzert gleich beim ersten Mal so zu spielen, meine Vorstellungen und Gefühle von dem Stück so zu transportieren, dass ich mein Publikum direkt überzeuge. Es ist eine Herausforderung, aber auch eine sehr große Chance. Wenn ich mit beispielswiese mit Mozarts A-Dur Violinkonzert auf die Bühne gehen würde, wissen alle, was sie in den kommenden 35 Minuten erwartet. Bei Vasks Violinkonzert hingegen können sich alle herausgefordert fühlen, sich mit etwas Neuem auseinandersetzen und in unbekannte Klangwelten eintauchen. ? Wie nähert man sich einem solchen Werk? W. W.: Ich habe mir erst einmal die Partitur angesehen, eine Tonaufnahme gehört. Es sind viele Elemente, die mir gleich beim zweiten Mal Hören direkt aufgefallen sind und von denen ich direkt sagen konnte, wie ich sie interpretieren möchte. Und da dachte ich, gut, spielen wir Vasks! ? Was zeichnet Vasks Violinkonzert musikalisch aus? W. W.: Für mich ist es keine typisch "moderne" Musik. Ich sehe es vielmehr als eine Verbindung zwischen der Musik eines Arvo Pärt und eines Philipp Glass. Es sind viele klare Linien, viele melodische Elemente, die in Erinnerung bleiben. (lacht) Mich plagen schon Ohrwürmer. Strukturell betrachtet ist das das Konzert ein gesamt durchlaufender Satz, unterteilt in fünf Abschnitte. Es gibt drei Solokadenzen. Übrigens werde ich, entgegen einem Violinkonzert von Mozart, mit Noten auf die Bühne gehen. So ist es für mich übersichtlicher, denn ich will mich auf die Musik konzentrieren und nicht vom "Mathematischen" abgelenkt lassen. Ich will vermeiden, mich während meines Spiels damit beschäftigen zu müssen, in welcher Taktart ich mich gerade befinde. Die wechseln nämlich permanent, von 7/8, zu 3/4, 2/2 zu 6/8. Ich will mir das nicht alles merken müssen! Da gibt es wichtigeres, wie etwa die musikalisch-künstlerische Komponente! ? Es gibt in Vasks Violinkonzert Passagen aufgewühlter, expressiver Ausbrüche, durch die zunächst die Solovioline, gegen Ende auch das Streichorchester bis an den Rand des Chaos geführt werden. Fordert ein solches Stück den Solisten auch von technischer Seite besonders heraus? W. W.: Es gibt ja zahlreiche anspruchsvolle Violinkonzerte wie von Tschaikowsky, Brahms, Beethoven. Bei Vasks kommt man allerdings an die technischen Grenzen des Instrumentes. Er sieht beispielsweise einige delikate technische Herausforderungen vor. Ich bin hier wirklich froh, große Hände zu haben. Beispielsweise gibt es gebrochene Akkorde bei denen ich meine gesamte Hand über das Griffbrett ausstrecken muss, um die einzelnen Töne zu greifen. Dann gibt es diese Oktavgriffe. Da muss man die Finger ganz schön spreizen und bei einem kleinen Handteller wäre das fast unmöglich. ? Die meisten Kompositionen Vasks‘ tragen zusätzlich zu ihrer Gattungsbezeichnung eigene Namen. Verweist der Titel "Fernes Licht" auf den musikalischen Inhalt des Violinkonzertes? W. W.: Ja, ich habe jene Lichter in der Musik gesehen. Gleich zu Beginn zeige ich dieses Licht: Das Konzert beginnt sehr ungewöhnlich mit einem langen Triller von der tiefsten bis zur höchsten Lage. Ob mit diesem Triller nun ein Lichtstrahl oder eine Lichtfläche evoziert werden kann, das nimmt jeder wohl unterschiedlich wahr. Deswegen möchte ich im Vorfeld auch nicht zu präzis in Worte fassen, wo das Licht zu finden ist, sondern es beim Konzert musizierend für die Zuhörer erfahrbar machen. Eintrittskarten zum Preis von 24, 20 und 12 Euro (Schüler, Studenten, Schwerbehinderte und Inhaber einer KulturCard zahlen die Hälfte) sind zu beziehen über die Tourist-Information am Markt in Detmold sowie online unter "www.detmolder-kammerorchester.de" oder an der Abendkasse. Eine Konzerteinführung findet ab 18.30 Uhr im Gartensaal im Palais der Hochschule für Musik Detmold (Neustadt 22) statt.

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