1. Ohne klebrige Zuckerglasur

    Weihnachtskonzert der Nordwestdeutschen Philharmonie

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    Bad Salzuflen (vfc). Bach, Händel, Mozart, Mendelssohn, Beethoven – ein Quintett, das als Publikumsmagnet gilt. Wenn dann noch "Festliche Klänge aus Oper und Konzert" angekündigt werden, sollte dies die Zuhörer in den Konzertsaal ziehen. Dennoch war das diesjährige Weihnachtskonzert der Nordwestdeutschen Philharmonie unter Leitung von Gastdirigent Ulrich Kern nicht restlos ausverkauft. War das Programm doch nicht weihnachtlich genug? Möglicherweise, aber es war absolut hörenswert. Mit Bachs Ouvertüre Nr. 3, BWV 1068 stand ein absoluter Klassiker unter der Weihnachtsliteratur auf dem Programm. Glanz und Gloria entfalten die mit drei obligaten Trompeten besetzten Ecksätze und insbesondere die Air, der zweite Satz der Suite, entführt die Zuhörer klanglich in weihnachtliche Besinnlichkeit. Ebenso zählt die Jubelarie "Rejoice" aus Händels Monumentaloratorium Messias zweifelsfrei zu den populären Weihnachtsmusiken. Bei Mozarts Ouvertüre zu Figaros Hochzeit wird es dann allerdings schon etwas schwieriger. Eine Oper, die musikalisch und inhaltlich alle altbewährten Traditionen unterwandert; ganz zu schweigen von der melancholischen Arie "Dove son i momenti" (etwa: Wohin sind die schönen Momente entschwunden?) aus dieser Oper. Was hat das Leid der Gräfin und die Trauer um das verglommene Liebesfeuer ihres Ehemannes mit der Weihnachtsthematik zu tun? Dasselbe fragt man sich bei Mozarts Konzertarie "Voi avete un cor fedele" (Ihr habt ein treues Herz), die auf dem Programm des ersten Konzertteils platziert war. Hier wird inhaltlich um die Treue des künftigen Ehemanns gebangt. Handelte es sich hier wohlmöglich um Werke, die Sopranistin und Orchester im gemeinsamen Repertoirekorb hatten finden können?

    Die Vermutung läge nahe, hätte sich nicht noch Beethovens 2. Sinfonie hinzugesellt. Mit dieser Programmwahl setzte Ulrich Kern, 1. Kapellmeister am Theater Görlitz, einen bewusst gewählten dramaturgischen Programm-Schachzug. Auch die 2. Sinfonie ist nicht zwingend die typische Wahl für ein Weihnachtskonzert. Eine brodelnde Nervosität wohnt insbesondere den Ecksätzen inne, die mit den eingestreuten Fanfaren teilweise militärisch, brachial anmuten. Beethoven stellte der Sinfonie bei der Uraufführung 1803 mitten in der Karwoche sein 3. Klavierkonzert und das Oratorium Christus am Ölberge gegenüber. Pathos und hehre Menschheitsideale verkünden die Werke. Liegt gerade hierin der Schlüssel für die Programmauswahl? Wollte Ulrich Kern gar bei aller verklärten Weihnachtsnostalgie die Realität nicht außer acht lassen und in den Konzertsaal holen? Denn wenngleich der Weihnachtbaum auf dem Podium erstrahlte und das Publikum visuell in die verklärte Weihnachtsidylle entführte, die Musik sprach im Verlauf des Konzertes immer wieder vom Menschlichen. Auch musikalisch legte Ulrich Kern Wert auf eine Interpretation ohne klebrige Zuckerglasur. Er führte die NWD straff, stringent und ohne manierierten Kitsch durch die Werke. Insbesondere in den Streichern erarbeitete er einen konzisen, akkuraten, fast puristischen Klang, der Vorbilder an den historisch orientierten Originalklangorchestern erahnen ließ. Besonders die Violinen folgten Kern in diesem Interpretationsansatz bravourös mit, während die Holzbläser gelegentlich mit der schmalen, vibratoreduzierten Klangästhetik in der Intonation ihre Schwierigkeiten hatten. Den schnelleren Sätzen tat dieser interpretatorische Ansatz hörbar gut. Sie gewannen an Eleganz, Filigranität und Präzision. Mit der Kanadierin Ashley Thouret stand Kern und der NWD eine perfekt harmonierende Sopranistin zur Seite. Ihr klarer, gut kontrollierter Sopran führte mühelos durch alle Koloraturen und Fiorituren der Arien. Eine schöne Linienführung und geschmackvolle Musikalität ließen insbesondere in den dramatischeren Passagen mit voller Orchesterbegleitung darüber hinweghören, dass ihr Sopran das volle lyrische Timbre (noch) nicht entfaltet hat. Kerns Stilistik funktionierte für die barocken und klassischen Werke ausnahmslos brillant. Bei Beethovens Sinfonie zeigten sich hiermit allerdings so manche Tücken. Die Musik geriet recht spröde, fast "protestantisch" und drohte wie ein Spekulatius in seine Einzelteile zu zerbröseln. Es fehlte der umspannende Phrasierungsbogen, der den so atem- und orientierungslosen Achtel- oder Sechzehntelketten einen Zielpunkt gegeben hätte. Den langsamen, kantablen Sätzen wäre ein wenig Weichheit und tonaler Zusammenhalt (Legato) sehr zugute gekommen. Bei weitem wäre man hier nicht Gefahr gelaufen, triefenden Kitsch zu produzieren. Ein Weihnachtskonzert ganz ohne klebrigen Zuckerüberguss und somit eine erfrischende Alternative zur standardisierten Weihnachtsbesinnlichkeit. Eine Wohltat. Brächte man für 2016 den Mut auf, eine Komposition aus dem 21. Jahrhundert in das Programm zu integrieren, könnte von einem wirklich "modernen" Weihnachtskonzert gesprochen werden, das auch in der Weihnachtszeit den Bezug zur realen Welt nicht verliert. Zu guter Letzt noch ein Hinweis in des traditionsbeflissenen Konzertbesuchers Sinne: Es ist Konzertsitte, zwischen den einzelnen Sätzen eines Werkes nicht zu klatschen. Einigen im Publikum war diese Tradition unbekannt, was die traditionelle Konzerthörerfraktion zu ruhegebietenden Äußerungen veranlasste. Wer für sich künftig nicht mehr als Konzertbanause durch vermeintlich falsch platzierte Klatscheinlagen demaskieren will, dem sei für den nächsten weihnachtlichen Gabentisch der Wegweiser für Konzertgänger von Geiger Daniel Hope empfohlen. Die Lektüre trägt den Titel: "Wann darf ich klatschen".

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