Lemgo (rto). Der Besuch zusammen mit seinem Gastvater Klaus Drücker bei den Lemgoer Schützen kurz vor Weihnachten ist für Cevin Whitcoe (16) aus Arizona (USA) nichts Ungewöhnliches. "Schließlich komme ich aus einem Land, in dem jeder eine Waffe tragen darf", sagt er. Der junge Amerikaner ist über den sogenannten "Long Turn”über die Rotarier in Lemgo nach Deutschland gekommen und wohnt seit dem Spätsommer in der Familie von Klaus Drücker. Mit ihm zusammen sind der 18-jährige Gabriel Castro aus Kolumbien und die 16-jährige Beatriz Rabello aus Brasilien hier und bei Gastfamilien der Rotarier in Lemgo für den einjährigen Aufenthalt untergebracht.
Bevor es jedoch für die drei Jugendlichen losging, mussten sie sich in ihrer Heimat einer Klausur und einem eintägigem Interview der jeweiligen Rotary-Clubs unterziehen. "Nicht jeder der möchte, kann auch, und nicht alle Ziele werden erfüllt. Wichtig ist aber, die Bewerber müssen nicht Angehörige eines Rotary-Clubs sein", erklärt Eva Vehling, die Jugendbeauftragte der drei Rotary-Clubs in Lemgo. Das schon gute Deutsch haben Beatriz und Cevin in den vergangenen Wochen und Monaten im Einzelunterricht bei Lilo Marx gelernt. Auch sie gehört zu den Rotariern. Wie alle "Long-Turner”, so müssen die aus der Nähe von Sao Paulo stammende Brasilianerin und ihr amerikanischer Kollege hier zur Schule gehen. Dafür stehen die Karla-Raveh-Schule und die Lemgoer Gymnasien zur Verfügung. Die Eindrücke der beiden sind vielfältiger Art. Ihr Wunsch, hier zum ersten Mal Weihnachten im Schnee zu feiern, wurde leider nicht erfüllt. Das bedauert vor allem die junge Beatriz. Beeindruckt sind beide von den Weihnachtsmärkten und den vielen Lichtern. "Der Dezember ist bis jetzt mein Lieblingsmonat, sagt Beatriz, und Cevin ist vom deutschen Essen und der Vielfalt an Brot beeindruckt. Für sie ganz ungewöhnlich ist, dass es um die Häuser hier keine hohen Zäune gibt und Tore, die verschlossen sind, sagt die Brasilianerin. Für Beide sind die alten historischen Gebäude der Alten Hansestadt sehr beeindruckend. "So etwas kennen wir in unserer Heimat nicht", sagt der junge Amerikaner. Was Silvester auf sie zukommt, das wissen beide noch nicht. In Amerika feiere man immer in der Stadt ein großes Fest sagte Cevin und in Brasilien würde man sich zum Jahreswechsel immer in Weiß kleiden, fügt seine Austauschkollegin hinzu. An Vieles haben sich die beiden "Long Turner” hier bereits gewöhnt. Doch, so Anke Rosenbohm, Gastmutter von Beatriz, durch ihren Aufenthalt hier würde auch ihr so manches "echt Deutsches” wie ein Spiegel vorgehalten. In vielen Diskussionen entdecke man aber auch immer mehr Gemeinsamkeiten – nur zusammengesetzte Substantive sind für ihre Gastschülerin immer noch etwas Ungewöhnliches. Auch die Diskussion um die vielen Flüchtlinge bekommt sie natürlich mit. "Das ist für Deutschland und Europa sicher eine große Herausforderung. Ich bin einigermaßen überrascht wie sehr man doch bemüht ist, damit umzugehen", sagt Beatriz und Cevin erzählt, dass er bereits neben einem Syrer in seiner Klasse sitzt und dass das für ihn kein Problem ist. Nach Weihnachten und Silvester möchten die beiden auch noch den Karneval erleben. Deshalb werden sie vielleicht mit ihrem Kollegen aus Kolumbien, der bei Gasteltern im Kalletal lebt, im Februar zum Umzug nach Kalldorf fahren. Im Frühjahr machen sich die "Long-Turner” dann mit den vielen anderen, die zur selben Zeit wie sie in Deutschland sind, auf eine dreieinhalb Wochen lange Reise durch Europa. Das gehört genauso zu Programm des Aufenthaltes, wie die bereits abgehaltene zehntägige Deutschlandtour in den Herbstferien. Den Kontakt nach Hause und zu den anderen Austauschschülern halten sie über die modernen Netzwerke. "Die Intervalle der Kontaktaufnahme zu den Eltern werden allerdings immer länger", weiß Klaus Drücker aus eigener Erfahrung zu berichten. Er ist nicht nur Gastvater für den jungen Amerikaner, sondern hat seine Tochter zur selben Zeit zu einem "Long Turn” in den USA. Bevor es dann zum Foto kommt, ziehen Cevin Whitcoe und sein kolumbianischer Austauschkollege Gabriel Castro noch ihre blauen Jacken an. Die sind voll mit Stickern und Pins von Orten, wo sie bereits waren, oder von Treffen, an denen sie teilgenommen haben. Sie selbst haben im Vorfeld ihres Besuches in Deutschland hunderte davon selbst angefertigt, um sie zu tauschen. "Das ist der Brauch, und so erkennen sie sich überall auf der Welt wieder", sagt Klaus Drücker dazu. Das ist im Übrigen ein Anliegern der Rotarier, dass junge Menschen sich über den ganzen Globus kennenlernen und so Freundschaften aufbauen, die ein Leben lang halten sollen. Für Beatriz gibt es bis zu ihrer Rückkehr nach Hause noch eine Frage zu lösen: "Ich weiß immer noch nicht, ob Mallorca jetzt eine deutsche oder spanische Insel ist", lacht sie. Das kann sie ja später in ihrem Beruf klären, denn sie möchte gerne Journalistin werden und ihre vielen Kontakte in die Welt, die sie heute schon hat, nutzen. Cevin ist von Deutschland so beeindruckt, dass er nach seiner Rückkehr als Erstes seinem jüngeren Bruder die deutsche Sprache beibringen möchte. "Und dann einen Porsche kaufen. Ich liebe Deutschland und Porsche", sprüht es jugendlich unbekümmert aus ihm heraus.
