1. Jerusalem gaude! Detmold gaude!

    Weihnachtskonzert des Kammerchores der Hochschule

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    Detmold (vfc). Es gab eine Zeit, weit vor unserer kommerzialisierten Weihnachtszeitrechnung, da durchzogen Besinnlichkeit und Stille die Adventszeit. Die vier Wochen vor dem Weihnachtsfest waren eine friedvolle Zeit, ohne Weihnachtsmärkte, Jingle-Bells-Getöse und den Wahnsinn des Geschenkekaufs. In dieser Periode sangen Chöre bewegende Antiphonen, Hymnen, strophische Lieder von den Kirchenemporen und ergossen die musikalische Schönheit der Mehrchörigkeit über ihre Zuhörer.

    Diese Besonderheit der damaligen musikalischen Adventszeit brachte der Kammerchor der Hochschule für Musik Detmold unter der versierten Leitung von Anne Kohler bei seinem Weihnachtskonzert zu Gehör. Detmold gaude – Detmold freue dich, dieses Konzert bot eine hörenswerte und besinnliche Auszeit von all dem Weihnachtstrubel! Weihnachten, als Feier der Geburt Christi am 25. Dezember, wurde bereits vor knapp 1800 Jahren zur Zeit des hl. Ambrosius und des hl. Augustinus gefeiert. Auch der Advent etablierte sich als Bestandteil des gottesdienstlichen Jahres kurz im Anschluss. Allerdings in unterschiedlicher Zählung: in der römischen Kirche sind es vier Adventssonntage, nach ambrosianischem Ritus in Mailand bis heute sechs Sonntage. Ursprünglich war die Adventszeit eine Phase des Fastens, der Buße und Einkehr. Der Advent, von lateinisch "adventus" (= Ankunft), galt der inneren Vorbereitung auf die Ankunft Jesu Christi. Eine Zeit, um die Menschen zu mahnen, sie zur Ruhe kommen zu lassen. Eine Zeit des Wartens, die mit Epiphania, dem Dreikönigstag am 6. Januar, in Jubelchören endete. Eine perfekt austarierte Konzertdramaturgie ließ diese Spanne von stiller Einkehr bis zu jubelnder Freude musikalisch hörbar werden. Ein Hörgenuss durch die Epochen, beginnend im 13./14. Jahrhundert mit strengen Wechselgesängen, über Claudio Monteverdis Hodie Christus natus est (Heute ist Christus geboren) und das Magnificat von Heinrich Schütz – besonders homogen und klar als Quartett vorgetragen von Franziska Giesemann (Sopran), Sarah Romberger (Alt), Jonathan Dräger (Tenor) und Ansgar Theis (Bass) bis hin zu frühbarocken, strophischen Chorälen. Die jungen, frischen Stimmen des Kammerchores der HfM ließen die Musik erstrahlen und Anne Kohler entwickelte ihn zu einem homogenen austarierten Gesamtklang. Auch das Publikum wurde zum Mitsingen dreier weihnachtlicher Strophenlieder eingeladen und zwischen die einzelnen Chorensembles in unterschiedlicher Besetzungsgröße streute Posaunist Shawn Grocott seine Improvisationen. Kurzfristig war er anstelle eines ursprünglich vorgesehenen Saxophonisten eingesprungen. Fügungen, die manchmal gut ausgehen und verbessern. Das Saxophon wäre dieser Musik sicher fremd gewesen und man hätte sich wohl eher über eine solche Konstellation geärgert, denn gewundert. Denn was hat ein Instrument, entwickelt im 19. Jahrhundert und in der klassischen Musikwelt eher rar vertreten, mit der vokalen Mehrchörigkeit der Renaissance gemein? Da ist die Posaune mit ihrer doppelten Symbolik naheliegender. Sie ist Instrument des Todes (eingesetzt in der Totenmesse, Requiem zum Beispiel im Dies irae oder Tuba mirum), Engelsposaune und Gottesstimme zugleich. Grocott spielte seine Posaune als irdisches und himmlisches Instrument mal vor dem Chor im Altarraum, mal von der Orgelempore aus. Seine Improvisationen aus Seufzern, Schwellern, langgezogenen Tönen strömten wie aus anderen Sphären über die Zuhörer hinweg. Wie man in der Architektur der Renaissance neue Raumwirkungen und in der Malerei räumliche Perspektiven entwickelte, so erprobte man auch in der damaligen Musik neue Dimensionen. Durch getrennte Aufstellung von Chören auf den Kirchenemporen wurde das wechselseitige Musizieren, nacheinander und gegeneinander, auch räumlich erfasst. Der Kammerchor der HfM nutzte diese Raum-Klangwirkung für sich besonders eindrucksvoll für den Konzertschluss mit Hans Leo Haßlers Duo Seraphim: Der Kammerchor teilte sich in drei Chorgruppen, die sich im Altarraum und jeweils links und rechts im vorderen Emporenteil positionierten. Die Martin-Luther-Kirche bot dafür Akustik und Ambiente in Perfektion. Die als Raummusik angelegten Doppelchöre durchzogen das gesamten Kirchenschiff und umhüllte das Publikum in den musikalischen Weihnachtsjubel. Ein derartiges Konzertprogramm ist damit nicht nur ein historisches Manifest, sondern ein Ankommen der Alten Musik im 21. Jahrhundert. Es setzt Bezüge und lässt die mehrchörige Musik in Interaktion zur Modernität treten. Ein überaus geglückter musikalischer Beitrag zur Einstimmung auf das Weihnachtsfest.

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