Detmold (kh). Als Solisten machen sie Furore, aber auch im Duo, Trio oder Quartett sind sie Spitzenklasse: Sharon Kam (Klarinette), Carolin Widmann (Violine), Tanja Tetzlaff (Violoncello), Antti Siirala (Klavier). Was die vier boten, war keine leichte Kost. Aber ein tief berührender Konzertabend. Und es war das eindrucksvolle Spiel selbstbewusster Kammermusiker, die sich mit einem sperrigen Programm beherzt der heutzutage oft gestellten Forderung nach dem Angenehmen entgegensetzten.
Um die Werkauswahl wissend, hatte sich vielleicht der ein oder andere Besucher dem Konzerthaus mit scheuem Respekt genähert. Unter Bedrohung und unheilschwangeren Umständen geschriebene Musik des 20. Jahrhunderts war es nämlich, mit denen die Künstler ihr Auditorium konfrontierten: Der Erste Weltkrieg tobte als Claude Debussy (1862–1918) seine "Sonate für Violoncello und Klavier d-Moll" komponierte. Und auch als Béla Bartók (1881–1945) sich im Jahr 1938 den "Kontrasten" für Violine, Klarinette und Klavier widmete, dräute Krieg. Olivier Messiaen (1908–1992) schrieb sein "Quatuor pour la fin du temps" im Winter 1940/41 in einem Kriegsgefangenenlager bei Görlitz, in dem es auch uraufgeführt wurde. Abseits der Hörgewohnheiten Jede dieser drei Kompositionen ist Musik, die geradezu körperlich trifft. Musik, bei der man ins Schleudern kommt. Weil sie ein Gefühl hervorruft, als befände man sich unter dem Einfluss einer Fliehkraft, die einem dem Boden unter den Füßen wegzieht. Keine Orientierung gibt es. Und wenig Gefälliges. So sucht man denn auch in Debussys Cellosonate Vertrautes und Vorhersehbares vergeblich. Sie entzieht sich schlichtweg den Hörerwartungen. Da bedarf es guten Willens und besonnener Hör-Arbeit, um in die subtilen Geheimnisse dieses kurzen, aber gleichzeitig aus einer Folge von verblüffenden Wendungen zusammengesetzten Stückes, einzudringen. Feinsinnig, voll innovativer Klangfarben und harmonischer Mehrdeutigkeiten bricht Debussys Musik mit den herkömmlichen Aufgabenverteilungen und Klanggesten einer Cellosonate. Violine und Klavier sind als Kontraste gegeneinander gesetzt – finden aber immer wieder zueinander. Kinderleicht und nonchalant soll es klingen, und das selbstverständlich auf Basis perfekten Zusammenspiels: Tetzlaff und Siirala beherrschen das. Das bewegliche Spiel der Cellistin, das auf den durchsichtigen Klavierklang von Siirala trifft, ebnet dem Publikum den Weg, sich der Musik hinzugeben und doch auf Feinheiten zu hören. Kontraste auch in Bartóks gleichnamiger Komposition. Ganz unterschiedliche Stile verarbeitet der Ungar in ihr: Csárdásartige Töne finden sich ebenso wie Ansätze bis hin zur Zwölftonmusik. In entspannter Selbstverständlichkeit verwandeln die Interpreten die furiosen Arpeggi, Pizzicati, Staccati, Glissandi und hemmungslos wild gesteigerten Läufe in den Ecksätzen in Musik, die nicht nur in den Ohren klingt. Voll intimer Zwiesprache fasziniert der langsame, mit "Pihenö" (Ruhe) bezeichnete Mittelsatz: Klarinette und Geige vereinen sich zu einer gemeinsamen Linie, derweil Siirala am Klavier einen perkussiven Klanggrund beisteuert. Der Zeit enthoben Nach der Pause dann das "Quatuor pour la fin du temps". Mit dem Titel verweist Messiaen auf die Offenbarung des Johannes. In ihr fällt der Untergang der Welt zusammen mit dem Beginn der Ewigkeit. Auf musikalischer Ebene hebt der französische Komponist zeitliches Empfinden auf, indem er gewohnte Zeitstrukturen, Takt und Metrum, zugunsten einer freimetrischen Musik aufgibt. Nicht nur wegen einer konditionsfordernden Spieldauer von rund 45 Minuten also ist es ein Gigant, dieses achtsätzige "Quartett auf das Ende der Zeit". Denn auch für den Hörer ist es enorm anspruchsvoll und schwer zugänglich. Lässt er sich aber konzentriert darauf ein, beginnt er zu begreifen – und ergriffen zu sein. Mit geistvoller Frische, sinnlicher Noblesse und atmosphärische Dichte, die gepaart sind mit hellhöriger Prägnanz und Präsenz musiziert das Ensemble. Manchmal fast roh, immer aber expressiv ist der Ton, der in den Soloparts mit Kontrasten zwischen berauschender Süße und wuchtigem Überschwang fasziniert. Scharfkantig-schroffe Seelenlandschaften und verwirrend filigrane Klangvorhänge von beklemmender Intensität entstehen: Gnadenlose Schönheit wie unter gleißend kaltem Halogenlicht. In Klang umgesetzte Apokalypse und vertonte Glaubenskraft. Endzeitstimmung und Hoffnung. Atmend und pulsierend. Töne, die frösteln lassen. Die sich in endloser Spannung dehnen und quälend die existenzielle Bedrohung physisch spürbar machen. Erschütternd und betörend zugleich. Nicht zuletzt wegen der exquisiten Spielkultur und des souveränen Klangsinns der vier Ausnahmekünstler, die sich von Messiaen in extrem heikle, kaum noch realisierbare Ausdrucksbereiche führen lassen, zieht dieses Werk seine Hörer in einen unwiderstehlichen Sog. Solcherart vorgetragen, vermag es Trost zu spenden und ein Gefühl von Ewigkeit greifbar zu machen. Weit mehr als eine bloße Darstellung apokalyptischer Schreckensszenarien, ist das "Quatuor" Ausdruck tiefen Glaubens von universellem Anspruch. Feinste Ensemblearbeit Gleichsam Hochseilakrobaten vor dem Salto gelingt es Kam, Widmann, Tetzlaff und Siirala mühelos, den Saal in aufmerksames Schweigen zu versetzen und ein musikalisches Erlebnis zu schaffen, das niemand so schnell vergisst. Mit spannungsgeladener Spielfreude, die auch Kammermusik-Muffel munter macht, scheint das Stück mit einem Mal wie in Großaufnahme dazustehen. Sicher, solche Musik kann man nicht jeden Tag hören. Aber an diesem Abend wird selbst der ungeübte Hörer, der sich womöglich mit Klängen des 20. Jahrhunderts schwer tut, vom Können der Musiker, von der fesselnden Interpretation, vom kreativen Miteinander und der Lust am gemeinsamen Musizieren gefesselt. Und wenn am Ende die Musik zu Stille wird, wenn das Nebeneinander von Gedanken, Stimmungen und Erinnerungen zerrinnt wie ein Echo aus vergangenen Tagen, dann hat sich nichts verändert und doch ist etwas anders.
