Bielefeld (ame). Gioachino Rossinis heitere, sprudelnde Musik erzählt, unterstreicht, karikiert in dem Einakter "La scala di seta" (Die seidene Leiter) nicht viel anders, als man es von guter Filmmusik kennt, eine komische Oper, die dem Publikum heutzutage kaum mehr ein müdes Lächeln entlocken könnte, wenn ... Ja, wenn da nicht diese hinreißende Inszenierung und das wunderbare Ensemble des Stadttheaters Bielefeld wären. Schade eigentlich, dass ein Wiener Walzer bei Rossini nichts verloren hat - sonst wäre diese Arbeit (Inszenierung Nina Kühner, Bühne und Kostüme Hanna Zimmermann) der ultimative Silvesterknaller. Das Publikum wird mit offener Bühne empfangen. Gefühlt begibt man sich in eine etwas heruntergekommene, italienische Bar in Paris, namens "La scala di seta". Auf der Bühne bewegen sich die Schaupieler bereits in ihren Rollen. Die Atmosphäre ist locker. Dann wird das Lokal geschlossen. Giulia (Cornelie Isenbürger) unterhält sich noch kurz mit dem Kellner Germano (Caio Montero), der Giulia ganz offensichtlich anhimmelt. Nachdem Giulia endlich auch Germano vor die Tür komplimentiert hat, bereitet sie alles vor, für eine Nacht mit ihrem Liebhaber Dorvil (Lianghua Gong), der kurz darauf durchs Fenster hereinklettert. Sehr bald erfährt das Publikum, dass Giulia ihren Dorvil heimlich geheiratet hat. Ihr ahnungsloser Onkel Dormont (Vladimir Lortkipanidze), dessen Mündel sie ist, beabsichtigt jedoch Giulia mit Grundstücksspekulant und Frauenheld Blansac (Yoshiaki Kimura) zu vermählen. In Folge entspinnt sich ein turbulentes Versteckspiel von Tatsachen und Personen. Das glückliche Ende präsentiert Blansac als Bräutigam von Dormonts Tochter Lucilla (Nohad Becker) und ein glückliches Ehepaar, bevor die Abrissbirne kommt und die Bar pulverisiert. Bis dahin sind reichlich Tränen geflossen - Lachtränen. Schon die Ouvertüre, in der Pawel Poplawski die Bielefelder Philharmoniker spielen lässt, als hätten sie Champagner in den Venen, werden Zusammenhänge hergestellt, die man von selbst kaum herstellen würde. Germano macht mal eben einen Wischmopp zur Luftgitarre – und das Ganze passt auch noch! Wenn Giulia ihn bittet einen geheimen Auftrag zu erledigen, verkleiden sich beide mit Trenchcoat und Waffen gleich in ein Agentenpärchen. Lucilla gibt die Dumpfbacke und spätestens als sie selbstvergessen im Discostil auf dem Tisch tanzt, gibt es im Publikum kein Halten mehr - es wird gekichert und gejubelt, wie es die Ostwestfalen eher selten tun. Die Verstecke auf der Drehbühne, die die Bar von innen und von außen zeigen, sind Slapstick pur: Das Gesicht hinter einem Bildschirm ist plötzlich auf dem Screen zu sehen. Der Lampenschirm als Tarnung funktioniert wohl deshalb so gut, weil er auch dann noch weiter leuchtet, wenn er weit ab von der Wand und der stromführenden Leitung herumspaziert. Die Souffleuse spielt ebenfalls eine schlagkräftige Rolle. Die Ideen werden auf die Spitze getrieben und zwar so charmant, dass es niemals klamaukig wirkt. Wenn dann eine Tür aus der Verankerung genommen wird, entsteht eine Art Ballett und mischt Komik mit Poesie, so dass man die Schönheit des Gesangs wirklich genießen kann. Unendlich viele Details machen die Aufführung zu einem außergewöhnlichem Vergnügen, das vor Lebensfreude nur so sprudelt. Immer wieder erklingt Szenenapplaus für den Gesang aller Beteiligten. Den größten Beifall erhält Caio Montero für seine raumfüllende Präsenz und sein einmaliges Minenspiel. Allein die Szene, wie er schwer alkoholisiert durch den Raum wankt und seine Hände Halt an imaginären Wänden suchen ist filmreif! Die Bühne schwankt und jede Bewegung Monteros perfektioniert das Bild. Am Schluss ergeht es einem, wie in einem stehenden Zug, an dem ein anderer Zug vorbeifährt - man meint selbst zu fahren. So wird sich in diesem Moment der eine oder andere Magen im Publikum kurzfristig gehoben haben - die Illusion war perfekt! Die Oper wird in italienischer Sprache, mit deutschen Übertiteln aufgeführt - auch ohne dies hätte man fast alles verstanden. Falls es das Ziel des Theaters war, das Publikum für einen Abend alle Sorgen vergessen zu lassen und ihm die Möglichkeit zu geben sich einfach nur unbeschwert zu freuen wie lange nicht mehr, wurde dieses Ziel zu 100 Prozent erfüllt! Bravissimo und Hut ab – diese Premiere war Balsam für die Seele.
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Unbeschwerte Freude garantiert
"La scala di seta" im Stadttheater Bielefeld
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