Lemgo (nr). Mitdenken ist schon mal ein guter Anfang, sonst kann man bei Philipp Scharri schnell den Anschluss verlieren. Kabarett, Poetry Slam und tiefgründige philosophische Exkurse – sein Programm "Kreativer Ungehorsam" liegt irgendwo zwischen den Abgründen der Wahrheit und fantastischen Wortspielereien.
Während sich das Publikum noch in entspannter Sicherheit wähnt, geht Philipp Scharri auf Tuchfühlung, enttarnt die Zweifler und die Mitläufer im Publikum und hat die Lacher auf seiner Seite. Er ist der sympathische Typ von nebenan, der mal in schönster "Poetry-Slam" Art mit frechen Reimen, mal mit bitterböser Satire daherkommt und seinem gebannt lauschenden Publikum einen Spiegel über menschliche Abgründe und die Eitelkeiten des Alltags vorhält. Sein Werkzeug sind Worte und die beherrscht er in Perfektion. "Die Welt ist ja nicht schlecht, nur moralisch flexibel", analysiert er aktuelle Nachrichten und fordert "die große Herde von Lämmern und Schafen, die dämmern und schlafen" auf zu "fürseitigem Respekt" und "kreativem Ungehorsam". "Macht Platz in den Köpfen", sinniert er. "Verteilt kleine Stolpersteine, legt Automatismen frei und durchbrecht sie." Als Querdenker kommt er daher, nennt sich weder Gegner, noch Befürworter und ganz wie die großen Philosophen der Geschichte, findet auch er zwar das Problem, aber nicht immer die Lösung. Will er auch gar nicht: "Liebe Pauschalgegner, werdet zu Umdenkern, Mitdenkern, Nachdenkern und Querdenkern. Dass Satire alles darf, heißt ja nicht, dass sie alles muss." Drum rappt er Goethes "Erlkönig" mit ungeahnter Leichtigkeit als Übersetzungsversion ins Deutsch der Neuzeit, kommt als Hippie Hopper daher, um über das Anderssein zu philosophieren und zwingt singend die großen bärtigen Diktatoren der Welt in die Knie ("beim Barte des Propheten lässt es sich besser töten"). Nebenbei denkt er über austauschbare Ideologien und Schubladendenken nach und nimmt auch die großen Philosophen bei "Kochen mit Kant" aufs Korn ("das sind Philosophen, die meist um ein Haarbreit die Wahrheit nicht finden"). Mit "WpS"– Geschwindigkeit (Wörter pro Sekunde) , wie er es definiert, feuert der Slampoet und Kabarettist zwei Stunden lang seine Gedanken über die Ungereimtheiten der Welt in sein Publikum und das ist schier begeistert. Für Jens Putschies vom Verein "Kultur im Kesselhaus" ist es immer wieder spannend, wie sich die Künstler in Lemgo darstellen. Vom Newcomer bis zu absoluten Vollprofis hat das Kesselhaus schon viel geboten und immer wieder aufs Neue überzeugt. Mit Philipp Scharri (Scharrenberg), der schon etliche Auszeichnungen erhalten hat, ist dem Verein einmal mehr ein großartiger Abend gelungen. Eher beschaulich und für die ganze Familie, kommt am 29. November als letzte Veranstaltung in diesem Jahr, "das tapfere Schneiderlein" der Teutoburger Puppenbühne ins Kesselhaus.
