1. "Dieser ist mir ein auserwähltes Rüstzeug"

    Paulus-Aufführung in der Bad Salzufler Liebfrauenkirche mit musica vocalis

    Dieser Eintrag wird bereitgestellt durch Schaumburger Wochenblatt | Impressum

    Bad Salzuflen (pk). Ob sich sämtliche Vertreter heutiger feministischer Theologieansätze tatsächlich darüber im Klaren sind, dass bereits Felix Mendelssohn Bartholdy in seinem 1836 uraufgeführten Oratorium op. 36 "Paulus" alle wörtlichen Reden der Gottheit – Vater und Sohn – nicht von donnernden Bässen, sondern durch zarte Frauenstimmen deklamieren lässt? Ein nicht ganz uninteressanter theologischer Nebenaspekt, der auf keine eigenwillige zeitgenössische Aufführungspraxis zurückzuführen, sondern der Originalpartitur des Komponisten zu entnehmen ist. Um gleich bei diesen Passagen der Aufführung in der ausverkauften Liebfrauenkirche zu bleiben: Das gesamte Bekehrungsszenario, in dem aus dem engagierten Verfolger der ersten Christen mit Namen Saulus der große Prediger und Apostel Paulus berufen wird, gestalteten die Solisten, Ewandro Stenzowski (Tenor) und Andreas Jören (Bass), aber auch die Frauenstimmen des Chores derart sensibel und gleichzeitig hochdramatisch, dass dieser eindrucksvolle Dialog, begleitet von den Mitgliedern der NDR Radiophilharmonie Hannover unter der Gesamtleitung von Burkhard Schmidt zu den musikalischen Kleinoden des Abends zählte. Das Bekenntnis Gottes zum neuen Apostel Paulus "Dieser ist mir ein auserwähltes Rüstzeug" (Nr. 19) interpretierte Myriam Anna Dewald (Sopran) in einer gravitätischen Eindringlichkeit, die beim Zuhörer ebenfalls ein Gänsehauterlebnis auslösen konnte, ähnlich wie bei ihrem betörenden "Jerusalem" (Nr. 7), das in Schmidts gemessenem Metrum eine zauberhafte Weite und Gelassenheit verströmte. Zu den besonderen solistischen Höhepunkten gehörten zweifelsohne auch die bedeutungsvollen Passagen des Paulus, die von Andreas Jören hervorragend gestaltet wurden, in besonderer Weise die Arie "Gott, sei mir gnädig" (Nr. 18), ausdrucksstark mit wunderbaren hochromantischen Kantilenen von Solooboe und Cello und die erste große, kämpferische Predigt des Apostels (Nr. 36), höchst überzeugend deklamiert und vom Orchester effektvoll und präzise begleitet. Last not least: Eine Aufführung, bei der vom Chor bei 22 der insgesamt 45 Nummern des Werkes stellenweise erhebliche musikalische und stimmliche Aufgaben abverlangt werden, wäre ohne eine entsprechende Oratorienkantorei nicht realisierbar, hier bestehend aus "musica vocalis Bad Salzuflen" und der "Kantorei des Christlichen Sängerbundes" (Einstudierung: Werner Schmidt), die bei umfangreichen Musikprojekten seit Jahren erfolgreich kooperieren. Das Ergebnis dieser Kooperation konnte sich sehen, besser: hören lassen bei der erheblichen Anzahl begeisternder, teilweise ausgesprochen komplexer "Paulus-Chöre". Als ein deutlich erkennbares Kennzeichen durchzog hier eine wohltuende musikalische Ausgewogenheit den gesamten Konzertabend, die im Wesentlichen auf Burkhard Schmidts ausgeglichenen metrischen und dynamischen Vorstellungen beruhte und seinen sicheren Reaktionen in allen musikalischen Details, selbst wenn in dem geheimnisvoll und fesselnd aufgebauten Chor Nr. 29 das sich anschließende Solistenquartett nicht auf Anhieb die richtigen Töne fand. Das ist eben "live", und die ausgesprochen professionelle dirigentische Reaktion darauf verdient zusätzliche Hochachtung. Bei "Der Erdkreis ist nun des Herrn" (Nr. 23) gelang es Chor und Orchester, initiiert durch Schmidts ausladendes Dirigat, ein solches Maß an majestätischer Pracht zu entfalten, dass es den Zuhörer – unterstützt durch die voluminöse Liebfrauen-Akustik – geradezu in himmlische Sphären entführte, kontrastreich gefolgt von einer großen, aber federnd, fast tänzerisch leicht musizierten Fuge. Begeisternd! Eine ebenfalls bestens bestandene chorische Bewährungsprobe: Der wohl technisch anspruchsvollste Chor Nr. 38 mit seinem dramatischen "Steinigt ihn!" Nach dem effektvoll interpretierten Schlusschor mit gewaltiger Fuge "Lobe den Herrn" und seiner beeindruckenden "chorsinfonischen" Abschlussphase bedankte sich ein sichtlich berührtes Publikum stehend.

  2. Kommentare

    Bitte melden Sie sich an