Lemgo (nr). Aus Stahlhelmen wurden Durchschläge, aus Fallschirmseide Schürzen und aus Schamottsteinen mit Heizdrähten Herdplatten. Not macht erfinderisch – besonders, wenn es ums nackte Überleben geht; um Vertreibung, Flucht, Hunger oder Gewalt in den ersten Nachkriegsjahren. So ist dank des großen Engagements des Literaturzirkel OWL, aus den Erinnerungen von 40 Frauen aus Ostwestfalen und Lippe eine bemerkenswerte Ausstellung entstanden, die jetzt auch im Museum Hexenbürgermeisterhaus zu sehen ist. "Von Wiederaufbau nach Kriegsende konnte noch nicht die Rede sein", sagte Dr. Bärbel Sundermann, Historikerin und Leiterin des Detmolder Stadtarchivs zur Ausstellungseröffnung. "Die Jahre nach Kriegsende bis 1949 galten dem bloßen Überleben." Es seien Schicksale von Frauen, die vordergründig oft unscheinbare Biographien hätten, die aber exemplarisch für eine ganze Generation stünden. Es sind Erinnerungen an ein anderes Leben; eines, das von Flucht, Verlust, Hunger, Krankheit oder Gewalt geprägt war. Dabei nehmen Fluchterfahrungen einen großen Teil der Ausstellung ein und schlagen somit eine Brücke in die von Flüchtlingsschicksalen geprägte Gegenwart. "In ihrer Not sind die Frauen allein gelassen worden. Mitleid war eher ein seltenes Phänomen", schilderte Dr. Bärbel Sundermann den Überlebenskampf der Frauen. "Die Frauen mussten bis an ihre Grenzen gehen, um das Überleben ihrer Familie zu organisieren. Dennoch änderte sich erst einmal nur wenig am Rollenbild der Frau." 40 Frauen aus ganz OWL hatten sich auf die Aufrufe des Literaturzirkel OWL in Presse und Seniorenvereinen gemeldet. Die Traumata der Vergangenheit, die viele von ihnen über Jahrzehnte schweigend begleitet hatten, fanden unter anderem in Gesprächen und Interviews eine Stimme. Innerhalb eines Jahres entstanden so Bilder von Erinnerungen an den Alltag in den Trümmerlandschaften der Region. Es sind teils fragile Gedankengebäude, die das Innere nach Außen kehren. Was für die nachfolgenden Generationen heute nur unfassbar erscheint, wird in der Ausstellung durch Portraits, Erinnerungen, Dokumente und den Erfindungsreichtum in einer Zeit des Mangels dokumentiert. "Der braune, so liebevoll bestickte Rock ist aus einer Nazi-Uniform", erklärte Irmgard Glöckner. "Es war ein guter Stoff und er ließ sich noch lange tragen" und sie fügt etwas entschuldigend hinzu "man hatte ja nichts anderes." Sie ist eine der 40 befragten Frauen, kommt aus Lemgo und war Schulkameradin von Karla Raveh, mit der sie immer noch regelmäßig in Kontakt steht. Eine weitere Zeitzeugin, Gerda Gerbes, hat mit Unterstützung der Historikerin und zweiten Vorsitzenden des Literaturzirkels, Gabriele Fröhler ihre Erinnerungen im Jahr 2008 aufgeschrieben. Ihre Tochter Claudia El-Sauaf-Harmuth las aus diesen Erinnerungen. Die eines jungen Mädchens aus Berlin, das nach der Rückkehr aus der Kinderlandverschickung in Lippe gestrandet war – in einem Zug voller Mädchen mit ihren Lehrerinnen, die mehrere Monate am Bahnhof in Lage (über)leben mussten. "Es sind vielfach Erinnerungen, die zu schwer wogen, als dass sie sie ihren Kindern hätten erzählen können", berichtete Dr. Bärbel Sunderbrink. "Aber im Alter verblassen die Traumata und es scheint wichtig, den Enkeln und deren Kindern weiterzugeben, was über viele Jahrzehnte kaum eine Stimme fand. Die Ausstellung "40 Frauen – Das Überleben organisieren" ist noch bis zum 6. Dezember im Museum Hexenbürgermeisterhaus, Breite Straße 17 bis 19, dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 17 Uhr zu sehen.
-
Frauen, die das Überleben organisierten
Ausstellungseröffnung zu ostwestfälischen Frauenschicksalen der Nachkriegsjahre im Hexenbürgermeisterhaus
Dieser Eintrag wird bereitgestellt durch Schaumburger Wochenblatt | Impressum
