Bad Salzuflen (pgk). Immer wenn Norbert Anger, Preisträger renommierter internationaler Cellowettbewerbe und Solist in der nahezu ausverkauften Konzerthalle, sein Guarneri-Violoncello (1691) zum Erklingen brachte, eröffneten sich dem Zuhörer klangliche Dimensionen eines grandiosen Tonvolumens, gepaart mit einer gewissen federnden Leichtigkeit, auch wenn sie in den Ausdrucksformen derart kontrastierten, wie an diesem Konzertabend. In dem zu Beginn gespielten Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur op. 107 von Dmitri Schostakowitsch, das der fortwährend mit den Funktionären der kommunistischen Partei - vor und nach Stalin – im Konflikt befindliche Komponist für den "Ausnahmecellisten" Mstislaw Rostropowitsch schrieb, spürte der Konzertbesucher dennoch eine relativ große kompositorische Freiheit, die in ihrer harmonischen und rhythmischen Prägung bisweilen auch Elemente der Zwölftonmusik erkennen ließ.
Bereits beim ersten Satz (Allegretto) in rasantem Metrum mit rhythmisch quirligen Holzbläsereisätzen und einem perfekt geblasenen großen Hornsolo, konnten Solist und Musiker der NWD unter der Leitung ihres Chefdirigenten Yves Abel in überzeugender Weise ihre Interpretationskompetenz dieses ausgesprochen komplexen Werkes präsentieren, gefolgt von einem Moderato (2. Satz), in dem Anger seine romantischen Kantilenen effektvoll ausspielte, höchst sensibel von den Streichern begleitet (mit Dämpfer) und wiederum im Dialog mit dem fein geblasenen Solohorn. Celesta, ein relativ selten eingesetztes xylophonähnlich klingendes Tasteninstrument, und das Solocello in blütenrein intonierter Flageolettlage leiteten über zu einer vom Komponisten vorgeschriebenen Solo-Kadenz (3. Satz), bei deren hochsensibler Einleitung, espressivem Aufblühen und hochvitalem Abschluss in extremsten Cellolagen Anger sein Publikum derart faszinierte, dass man in der Konzerthalle eine Stecknadel hätte fallen hören. Der für Orchester und Solocello äußerst virtuose abschließende Satz (Allegro con moto) löste dann in all seiner Quirligkeit und auch Ironie – er enthält in verzerrter Form ein Lieblingslied Stalins – zugabepflichtigen Beifall aus, den Anger belohnte, indem er die Zuhörer kontrastreich mit einer zauberhaft musizierten Sarabande von Johann Sebastian Bach in eine Oase entspannter Abgeklärtheit entführte. Nach der Konzertpause gab es Peter I. Tschaikowsky, und zwar seine 5. Sinfonie e-Moll op. 64, die er selbst als "ein misslungenes Werk" beurteilte, ganz im Gegensatz zur Einordnung durch das Konzertpublikum, das die 5. derartig liebte und verehrte, dass sie heute weltweit zu den meistgespielten Sinfonien zählt. Nach dem Andante des 1. Satzes mit seinem höchst bekannten, von samtigen Streichern zart umrahmtes Klarinettenthema, ließ Abel mit inspirierendem Dirigat diesen Satz im nachfolgenden "Allegro con anima" sinfonisch aufblühen mit rhythmischen und schwelgerischen Tuttipassagen in effektvollem aber nicht überzogenen Metrum, immer wieder faszinierend erweitert durch hervorragende Holzbläsersoli. Bei dem kompositorisch genialen "Andante cantabile" verschmolzen dann Dirigent und Orchester geradezu zu einem hochromantischen Klangkörper, in dem nach choralähnlicher Streichereinleitung das große Hornthema makellos erstrahlte, das die tiefen Streichen aufnahmen und über Oboe und erste Violinen zu fulminanten Tutti führten mit bewegendem Streicherschelz, begeisternden Crescendi und überzeugenden Bläsersoli und auf diese Weise ihr Publikum regelrecht verzauberten. Professionell meisterten die NWD-Musiker alle hochvirtuosen Passagen, die die anschließende "Valse" (3. Satz) trotz ihrer Walzerseligkeit besonders den Streichern abverlangt und gestalteten dann das Finale dieser Sinfonie ausgesprochen dynamisch und imposant. Überzeugend geleitete Abel dabei seine Philharmoniker in agilem Tempo durch sämtliche mächtigen und vitalen Tutti und Soli in nahezu perfektem Zusammenspiel und inspirierte sie zu einem brisanten Spielfeuer, das das Publikum begeisterte. Ein phänomenales Konzert, hinreißend musiziert!
