Detmold (kh). Am kommenden Montag, 2. November, wäre er 100 Jahre alt geworden: Martin Stephani – Dirigent, Musiker sowie Altrektor der Hochschule für Musik Detmold. Zudem einer, bei dem viele derjenigen, die ihn noch zu Lebzeiten kannten, durchaus schon mal ins Schwärmen geraten. Muss doch seine künstlerische, menschliche und pädagogische Ausstrahlung beträchtlich gewesen sein. Grund genug für die Musikhochschule, an eine Persönlichkeit zu erinnern, die die Erfolgsgeschichte der Hochschule maßgeblich und zukunftsweisend mitgestaltet und sich in hohem Maße um das Detmolder Musikleben verdient gemacht hat. Aber zugleich auch eine Persönlichkeit, deren Werdegang braune Flecken trüben. Denn biografisches Faktum ist, dass Stephani, wie viele andere seiner Generation einer NS-Organisation angehörte. Wie aber nun umgehen mit einer solch sensiblen Gemengelage vor der eigenen Haustür? Wie begegnet man der Tatsache, dass diese Koryphäe, deren Konterfei man in die Fotogalerie der ehemaligen Rektoren der Hochschule eingereiht findet und deren Name einem der repräsentativen Säle der Hochschule gewidmet wurde, vermutlich nicht unbescholten durch das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte gegangen ist? Was bedeutet, über die menschliche Ebene hinaus, die möglicherweise prekäre NS-Vergangenheit Stephanis für sein verdienstvolles Wirken an der Musikhochschule nach dem Krieg? Geburtstagsständchen? Festkonzert? Heuer nicht. Stattdessen: Ein Tänzchen auf dem Seziertisch der Wissenschaft. Denn angesichts derlei Fragen ist es nur konsequent, dass sich die Hochschule einer fundierten Rezeption der Biografie Stephanis während des Nationalsozialismus stellt – auch wenn das Resultat möglicherweise Dissonanzen erzeugt. Rektor Prof. Dr. Thomas Grosse hat entschieden, dieses Kapitel der Hochschulhistorie offensiv anzugehen, das Verhältnis Stephanis zum Nationalsozialismus zu thematisieren und wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Mit Prof. Dr. Rebecca Grotjahn, der geschäftsführenden Leiterin des Musikwissenschaftlichen Seminars Detmold/Paderborn, und dem Bielefelder Historiker Dr. Hans Walter Schmuhl hat er dafür fundierte Wissenschaftler gewinnen können. "Die Verdienste von Prof. Martin Stephani für unsere Hochschule sind von großer Bedeutung", betont Grosse. "Doch wollen wir den ganzen Menschen betrachten und deshalb nicht verschweigen, dass er auch vor 1945 in sichtbarer Position als Musiker tätig gewesen ist", so der Rektor weiter. Verschiedenen Quellen und Archivalien zufolge sei Stephani zunächst als Musikreferent zur Leibstandarte Adolf Hitler abgeordnet worden. In der Folge sei er offenbar am Aufbau und der Leitung des Symphonieorchesters der Waffen-SS beteiligt gewesen. "Dieser Tatsache darf sich die Hochschule für Musik Detmold nicht verschließen. Im Wissen um die gesellschaftliche Wirkung von Musik sehen wir es als unsere Pflicht an, den Blick auch darauf zu richten. Zugleich möchten wir Annahmen und Gerüchte über Martin Stephani durch Fakten ersetzen." Es ist ein guter Schritt, dass die Hochschule keinerlei Berührungsangst mit dem Thema zeigt, sondern aufgeschlossen, mutig und vielleicht sogar mit einer gewissen Neugier dem Tabu Nazizeit gegenübersteht. Denn es gibt sie nun einmal, die unrühmliche Vergangenheit. Das Wissen darum kann unsere Sinne nur schärfen. Und ohne Zweifel gehören alle Facetten auf den Tisch – doch nicht in Schwarz-Weiß-Manier, sondern in Grautönen bitte. Menschen sind und bleiben ambivalent. Sie haben eine menschliche Seite. Wenn die Debatte über Stephani und die Auseinandersetzung mit seiner Vita dazu beitrüge, dass sich die Sensibilität hierfür erhöht, wäre, bei allem, was möglicherweise zu klären ist, schon viel erreicht. Seien wir gespannt auf die Herangehensweise der Wissenschaftler und auf die Forschungsergebnisse, die der Öffentlichkeit im Laufe des Studienjahres in einer Publikation präsentiert werden sollen und die Grundlage für eine sachliche Bewertung bilden. Von der Schwierigkeit, eine Persönlichkeit in Gänze zu verstehen: Prof. Dr. Rebecca Grotjahn und Prof. Dr. Thomas Grosse würdigen die Verdienste Prof. Martin Stephanis (1915–1983) und kündigen die historische Aufarbeitung bisher ungeklärter Aspekte im Lebenslauf des Altrektors an. Foto Hansmeier
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Vom Sockel auf den Seziertisch
Hochschule für Musik erinnert an ihren ehemaligen Rektor Martin Stephani
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