Detmold (kh). Eigentlich müssten die Zeilen dieses Textes leer sein. War doch das Auftaktkonzert in die Meisterkonzertsaison 2015/16 durchaus dazu geeignet, einem schlichtweg die Sprache zu verschlagen. Ein Abend, der wortlos gemacht hat. Andererseits aber einer, der Anlass gibt, einmal bedenkenlos in die Wortschatzkiste der Superlative zu greifen. Denn kein Ausdruck höchsten Lobes ist fehl am Platz, möchte man die Leistung der Sängerinnen und Sänger des Stuttgarter Kammerchores unter der Leitung von Dirigent Frieder Bernius würdigen.
... allererste Sahne dieser Chor: Auf atemberaubendem Niveau, aber ohne jenen steril-glatten Perfektionismus, mit dem Virtuosität oft einhergeht, glänzt das Ensemble. Mit ungeahnter Klangschönheit sowie einem untrüglichen Gespür für Leuchtkraft und Seelenfarben schöpfen Bernius und seine Sänger das Potenzial von Musik und Text aus. Lebhaft, präzise und sprachnah schwingen die Verse und strahlen die Klänge – ein musikalisches Fest, Chorkunst par excellence. Eindrucksvoll stellen die Stuttgarter gleich zu Beginn des Konzertes mit Joseph Gabriel Rheinbergers doppelchöriger "Cantus Missae" ihre fein ausgebildeten Stimmen unter Beweis. Beseelt und wie mit Licht durchflutet: irdischer Jubel für Gott in resolutem Zugriff und mit Gefühl für die musikalische Ausformung. Welch Schwelgerei vom ersten sanften Akkord des Kyrie an – Eleganz und Frische mischen sich mit einem genauestens ausgeloteten Maß an Wärme und Sonorität, ohne dass es an Flexibilität mangelt. Wie von Zauberhand verschmelzen 28 ganz individuelle Stimmen zu einem homogenen Ganzen. Viele Farben – eine Botschaft. Und doch ist da nichts, das zu einem ausdruckslosen Einheitsbrei verwirbelt. Transparenz Takt für Takt. Verblüfft stellt man fest: Genau so muss es sein. Ebenso sorgsam austariert und voller glühender Farbigkeit kommen die Psalmvertonungen von Gottfried August Homilius daher. Betörende Homogenität und Klangfülle auch bei den Auszügen aus Sergei Rachmaninows Vesper für Chor a cappella op. 37 ("Das große Abend- und Morgenlob"), einem der bedeutendsten Werke russischer Kirchenmusik: Edel und rund, wie aus einer anderen Zeit sprechend. Das ist warme Klangpracht bar aller Schulmeisterei, kernige Präsenz ohne Schärfe und souveräner Umgang mit der ungewohnten Phonetik der russischen Sprache. Keineswegs minder berückend die drei Chöre von Peter Cornelius sowie die darauf folgenden Transkriptionen von Schubert-, Grieg- und Lisztliedern des großen Stuttgarter Chorpädagogen Clytus Gottwald. Nicht kristallin verfestigt, sondern lebendig und glutvoll flimmernd, dann wieder volksliedhaft-natürlich nehmen die Sänger ihr Auditorium mit in kongenial transkribierte romantische Sehnsuchtswelten. Zum Abschuss: Felix Mendelssohn Bartholdy mit einer Auswahl seiner "Lieder im Freien zu singen". Unerhört dicht verwebt Bernius sukzessive Sopran, Alt, Tenor und Bass. Wohlüberlegt zirkelt er inhaltliche Belange ab, ohne der poetischen Vorlage durch vokale Kraftmeierei die Geltung zu nehmen, lässt Text und Musik eine innige Verbindung eingehen, spinnt filigrane goldene Klangfäden und lässt diese über sich hinweg in den Saal schweben. So klingt nur, wer in der allerobersten Liga singt. Aber selbst wer den Dirigenten und seine mustergültig intonierende Elitetruppe schon länger kennt, kommt nicht umhin zu staunen, wie es ihnen gelingt, die diffizilen stimmtechnischen Anforderungen mit einer derartigen Selbstverständlichkeit zu meistern, dass sie kaum je als Belastung hörbar werden. Hier präsentieren ausgefuchste Profis, die sich weit, weit über alle schwerfällig-sangesbürgerliche Bräsigkeit aufgeschwungen haben, vokale Höhenflüge mit Suggestivkraft. Solch technische Meisterschaft ist freilich nur die Voraussetzung für den überwältigenden Eindruck, den Frieder Bernius und seine Stuttgarter hinterlassen. Denn dass das Publikum wie gebannt an den Lippen der Sänger hängt, ist nicht nur eine Frage der technischen Qualität. Alle Brillanz wäre nichts ohne die Gabe, sich ebenso aufeinander wie auch auf die Musik einzulassen, sich hineinzufühlen und den vielfältigen Gefühlsregungen feinsinnig nachzuspüren, so dass alles Klang wird – eine einzige tönende Kraft voller verborgener Schönheiten und Reize, die im Idealfall im Innersten zu berühren vermag. Ein bisschen davon fehlte. Eine Lehrstunde in Sachen Vokalmusik war dieser Abend indes allemal. Mehr noch: eine Offenbarung. Und das Schönste dabei – es macht auch noch Spaß.
