Detm old (ab). Ab sofort gibt es in Detmold eine neue Stadtführung. Dabei geht es nicht um die Geschichte der "Residenz" und ihre altehrwürdigen Bauten. Jörg Eibisch gibt an markanten Punkten Einblicke in das Leben von wohnungs- und obdachlosen Menschen.
Warum wird jemand überhaupt obdachlos? Wo finden die Menschen Hilfe, wie sieht ihr Alltag aus? Jörg Eibisch hat am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wohnungslos zu sein. 26 Jahre seines Lebens verbrachte der heute 60-Jährige auf der Straße. In Schwäbisch-Gmünd, wo Eibisch gewohnt hat, bevor er im Januar dieses Jahres nach Detmold kam, hat er bereits eine solche Stadtführung erfolgreich angeboten. Treffpunkt für die Stadtführung ist vor der Bürgerberatung. Hier erläutert Eibisch den Teilnehmern, wie das Meldeverfahren für Obdachlose aussieht, vom Eintrag "wohnungslos" in ihrem Ausweis bis zur Frage, wo die sogenannten "Tagessätze" ausgezahlt werden. Wichtige Anlaufstellen sind direkt nebenan der Flohmarkt-Laden und die Fahrradwerkstatt. Von hier geht es weiter zum Rathaus, wo Eibisch über die Tafeln berichtet, bei denen rund 800 Menschen in Lippe regelmäßig einkaufen. Eine weitere Station ist die Christuskirche, wo es um die Frage geht, was Pfarrämter mit Obdachlosigkeit zu tun haben und darum, wer und warum sonntags vor Kirchen bettelt. Weitere Themen des Rundgangs sind Probleme wie Alkoholsucht und wie jemand überhaupt wohnungs- oder obdachlos wird. "Scheidung, Verlust der Arbeitsstelle", zählt Eibisch typische Anfangsmomente auf. Insgesamt umfasst die Tour sechs Anlaufstellen. Seit vielen Jahren führt Eibisch Tagebuch. Seine Erlebnisse er in dem Buch "Ein Leben wie eine Achterbahnfahrt" zusammengefasst, das er selbst vertreibt. "Viele Menschen stehen am Rande der Gesellschaft", sagt Eibisch, ihnen möchte er helfen. So werde er ein Drittel der Einnahmen aus den alternativen Stadtführungen der "Herberge zur Heimat" spenden. Bürgermeister Rainer Heller legt für die ersten 200 Anmeldungen zu der Tour je einen Euro aus seiner Privatschatulle dazu. "Ich finde es gut, dass Herr Eibisch den Mut hat, seine Sicht zu schildern", betont Heller. "Das macht die Sache sehr authentisch", ergänzt Michael Körner von der "Herberge zur Heimat". Ende August waren in Detmold 31 Menschen in Obdachlosenunterkünften registriert, erklärt Bürgermeister Heller. Wie viele Menschen insgesamt obdach- oder wohnungslos sind, könne man nicht genau sagen. Die Stadtführung "Detmold von unten" kann man direkt bei Jörg Eibisch unter der Rufnummer (05231) 943 53 48, per E-Mail an "joerg.eibisch@yahoo.de" oder in der Tourist-Info im Rathaus buchen. Hier gibt es auch ein Info-Blatt. Erwachsene zahlen 3 Euro, Schüler 1,50 Euro. Gruppen sollten mindestens 10 Personen umfassen, es können Termine für montags bis samstags vereinbart werden. Los geht es jeweils um 13.30 Uhr, die Tour dauert rund eineinhalb Stunden. Zum Abschluss gibt es auf Wunsch bei Eibisch zu Hause Kaffee und selbstgebackenen Kuchen. Auch den Verkaufserlös möchte er der Herberge spenden.
