Bielefeld (ame). Die Premiere von Mozarts Zauberflöte im Stadtheater Bielefeld war im Ganzen etwas gewöhnungsbedürftig. Doch hätte man heutzutage als Schlange ein klassisches Ungeheuer auf die Bühne gehievt, wäre für einen solchen Nessi- oder Urmelverschnitt auch nur Gelächter zu ernten gewesen - nur eben nicht gewollt. Also den Spieß umdrehen und dann aber auch richtig, schien Andrea Schwalbachs Devise gewesen zu sein. Dabei gab es dann viele hübsche Einfälle.
Auch das Programmheft zeigt auf, dass man in die Zauberflöte so ziemlich alles hinein interpretieren kann - wenn man will. Bei der Erwähnung von Isis und Osiris und den heiligen Hallen landet man dann aber wohl doch ohne Umwege bei den heiligen Hallen von Amenti und dass dort kein Bier auf dem Tisch steht, davon kann man ausgehen. In der Inszenierung wird aus dem erlauchten Kreis derer, die sich selbst erkannt haben, ein Reigen Klugschwätzer. Papageno wehrt sich mit einem Sprachbild, das zeitgemäß den heutigen Durchschnittsmenschen präsentiert. Also ein Mensch, dem sein spirituelles Erwachen herzlich egal ist. "Wer bin ich", fragt er sich zwar noch, aber diese Frage scheint ihn nicht umzutreiben. Die Oper wurde ursprünglich für das einfache Volk geschrieben - als Singspiel, aber eben nicht nur gesungen. Leicht verständlich sollte es sein - in der Handlung - und doppelschichtig, mit einer tieferen Ebene, auf der sich ägyptische Esoterik, Freimaurertum und angeblich sogar politische Seitenhiebe wiederfinden lassen. Vergleichbar mit einem hoch edlen Wein, den der Banause natürlich auch einfach wie einen Schnaps hinunterkippen kann, ohne zu merken, was ihm da eigentlich vorgesetzt wird. Diese Inszenierung hatte es nun eher auf die Lach- als auf die "Denkmuskeln" abgesehen. Das kann man machen. Aber dabei geht zwangsläufig jede tiefere Bedeutung verloren. Wenn man die Zauberflöte in der x-ten Inszenierung gesehen hat, macht das wirklich Spaß. Sieht man sie zum ersten Mal, macht es keinen. Die Königin der Nacht, gesungen von Tuuli Takala, war eine Marionette, die aussah wie eine Untote. Dass hinter vielen sogenannten Anführern Strippenzieher stehen, dass diese scheinbaren politischen Lichtgestalten also lediglich ferngesteuerte Strohmänner ohne Eigenleben sind - um das zu begreifen, muss man durchaus kein Anhänger wilder Verschwörungstheorien sein. Das so deutlich zu machen, war deshalb schon sehr gut gemacht. Nur... In der Hauptarie der Königin der Nacht wirkte es in der Ausführung dann doch sehr störend. Die Stimme der Gastsängerin war groß, sie war beeindruckend stark und glasklar - geradezu vollkommen! - aber sie sang am Ziel vorbei; in der Wirkung eher verblüffend als berührend. Schade, denn wer so singen kann, kann auch "schön" - wenn man es denn zulässt. Es lag nicht an Tuuli Takala. Sie ist großartig, aber wie soll eine Sängerin geschmeidig singen, wenn sie gleichzeitig so herumzappeln muss? Die drei Knaben (Justin Sautner, Jakob Fullik und Goldmund Elias Bothmann) aus dem Knabenchor Gütersloh waren im Clownskostüm - ebenfalls an Strippen. Die Umsetzung des Marionettenbildes war auch hier, so wie an anderen Stellen, reizvoll und perfekt gemacht. So kann eben nur Theater! Das machte schon Spaß. Daniel Pataky als Tamino, Cornelie Isenbürger als Pamina, Nienke Otten als Papageno - gesanglich wie immer vom Feinsten. Caio Monteiro verfügt - und das bewies er schon in La Cenerentola - über eine große Bühnenpräsenz. Er haucht seinen Rollen eine Glaubwürdigkeit ein, die vergessen lässt, dass alles "nur Spiel" ist. Moon Soo Park als Sarastro erhielt begeisterten Szenenapplaus. Er ist für seine Rolle wirklich eine Idealbesetzung - mit sehr viel Gefühl. Selber Spaß an ihren Rollen hatten ganz offensichtlich Melanie Kreuter, Nohad Becker und Katja Starke. Sie gaben die drei Damen "im besten Alter" und machten dabei vor nichts Halt - wer da nicht kichern musste, geht wahrscheinlich auch sonst zum Lachen in den Keller. Pawel Poplawski führte die Bielefelder Philharmoniker souverän - so richtig herzerweichend wollte der Klang aber nicht werden. Wirklich glanzvoll waren hingegen die Auftritte des Chores. Das war dann wirklich jedes Mal ein Hochgenuss par excellence! Das Bühnenbild (Bühnenbild und Kostüme: Anne Neuser) war aufwendig und pfiffig. Die Bühne des Lebens, auf der sich die Geschichte abspielte, erinnerte wohl nicht grundlos an ein Kasperletheater - das hatte Biss, wie letztlich die ganze Inszenierung bissig war. Manchmal federleicht, oft witzig - und auf dieser Ebene sehr anspruchsvoll. Man muss einfach bereit sein, sich darauf einzulassen. Dann sind auch die Bravorufe stimmig. Und davon erhielt die Premiere am Ende reichlich.
