Detmold (ame). Im Detmolder Landestheater feierte Giacomo Puccinis Oper "La Boheme" am vergangenen Freitag eine Premiere, die fast nach jeder Szene Zwischenapplaus erhielt. Detmold bot in einer Inszenierung von Gabriele Wiesmüller (Dramaturgie Elisabeth Wirtz), von allem Überflüssigen befreit, dem Publikum das zentrale Thema wie auf einem Silbertablett.
"Schaut", schien sie zu rufen, "schaut und kostet, wie bitter die Armut schmeckt." Vor dem Hintergrund der Endlichkeit des Lebens, die gerade in dieser Geschichte so vermeidbar erscheint, wird selbst die romantischste Liebe ein bittersüßes Vergnügen. Da ist keine Zeit für hoch fliegende Träume und schon der Frühling wird zu einem Versprechen auf bessere Zeiten. Denn die Sonne kostet kein Geld und auch nicht die Blumen, die sie erblühen lässt. Auch nicht deren Duft - einfache und doch tiefe Freuden, von denen die Heldin Mimì singt. Und jeder Ton scheint ein Aufschrei ihrer Seele zu sein, einer Seele, die doch nur eines will: leben, bescheiden - ohne den damit verbundenen täglichen Kampf. "Wie eiskalt ist dies Händchen", witzelt der Bildungsbürger, wenn seine Frau kalte Hände hat. Dabei ist gar nichts Witziges an diesen, La Boheme entlehnten Worten. Denn in ihrem ursprünglichen Kontext leiten sie die Geschichte zum Tod der jungen Frau ein, die letztlich an den ärmlichen Verhältnissen stirbt, in die sie, ihresgleichen und auch ihren Freund aus Künstlerkreisen das Leben gestellt hat. Die Armut wird durch kurze Freuden - mal satt zu essen, mal Holz für den Ofen, mal Wein im Glas - erträglich. In der Armut wird jeder Künstler auch zum Lebenskünstler, zum Überlebenskünstler. Wie gut ist es da, am Schluss nicht allein sterben zu müssen. Wie von ferne dringen die Stimmen der Freunde und des Geliebten durch die Nebelschleier des Fiebers und werden zum "Lullaby". Bittersüße Musik schafft eine Brücke ins Jenseits - ein Engel streift mit seinem Körper alle irdischen Nöte ab und verlässt das Jammertal. Zurück bleibt ein verzweifelter Geliebter, der das Ende seiner Liebsten schon lange kommen sah. Und ein Publikum, das in knapp zwei Stunden Oper lachen und weinen konnte, das Hoffen und bange Erwartung durchlebte und tief berührt dem Ensemble einen begeisterten, lang anhaltenden und von vielen Bravo-Rufen begleiteten Applaus spendete. Lutz Rademacher und das Symphonische Orchester ließen den Schmelz der Musik Puccinis wie Ebbe und Flut kommen und gehen. So, wie ein Springbrunnen breite Fontänen auf- und absteigen lässt, hob die Musik die Emotionen in die Höhe und ließ sie abstürzen - dies in stetem Wechsel und dazwischen hatte diese Inszenierung den Mut, den Klang der Stille zu feiern - ein Aufatmen für die Gefühle der Zuhörer und doch gleichzeitig ein Anheizen der Spannung. Ewandro Stenzowski als Rodolfo und Magan Marie Hart als Mimì waren einzeln aber auch im Duett eine "Ohrenweide". Andreas Jören als Maler Marcello und Katharina Ajyba als Musetta zeigten eine Liebe, die sich selbst angeblich nicht so ernst nahm - doch knisterte die Bühne, wenn Jören seine Musetta ansah und wenn er sie als Sirene bezeichnete, traf er ins Schwarze. Doch im Moment der Not zeigte gerade die angeblich so leichtlebige Musetta klaren Blick und das Herz zum richtigen, zum menschlichen Handeln. Katharina Ajyba transportierte das so glaubhaft - besser ging es nicht. Ob solo oder mehrstimmig, die Stimmen waren brillant und harmonierten großartig. Und ja - in positivem Sinne schlicht war auch das Gebaren der Premierenbesetzung. Eine Schlichtheit, die sich in völliger Abwesenheit von Koketterie oder Effekthascherei zeigte. Etwas an dem, was gezeigt wurde, war zeitlos. Nicht nur die Armut, obwohl gerade sie immer zeitlos ist. Das Zeitlose, das die Sängerinnen und Sänger an diesem Abend vor allem einfassten, so wie das Gold einen Diamanten einfasst, war, wie sich die Menschlichkeit durch allen Unbill hindurch Raum erkämpfte. Wie eine Blume, der es gelingt, durch Asphalt zu brechen. Blühen und Schönheit sind stärker als Asphalt, weil dabei das Leben gegen die Materie steht und obsiegt. Menschlichkeit stand hier gegen Armut, weil die Liebe - und zwar die Menschenliebe - stärker ist als die Welt. Das war die Botschaft dieses Abends. Wer nun glaubt, diese Inszenierung, deren stimmiges Bühnenbild es in Grau- und Brauntönen mit dem düstersten Tatort aufnehmen konnte (Ausstattung und Kostüme Petra Mollérus), habe die Tristesse hochleben lassen, hat die Detmolder Schlossspatzen nicht erlebt, hat vor allem Andreas Jören nicht von seiner komischen Seite erlebt - diese Inszenierung ließ wirklich keine Wünsche offen. Noch was? Ja: Hingehen! Unbedingt.
