1. Die Angst vor der Ablehnung

    Facettenreiche Musicalpremiere "Cyrano" begeisterte

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    Bielefeld (ame). Edmond Rostands Versdrama "Cyrano de Bergerac" erschien 1897. Cyranos Gesicht - die meisten werden nun an den französischen Schauspieler Gérard Depardieu denken, der die Filmrolle im Jahre 1990 intensiv in Szene setzte. Der etwas klobig wirkende Cyrano und seine augenfällig zu große Nase stehen im krassen Widerspruch zu der zarten Seele eines Poeten. Dieses Bild zu übertreffen, wird nicht möglich sein. Doch in der Premiere des Musicals, die am vergangenen Sonntag im Stadttheater Bielefeld inszeniert wurde, fand Regisseur Thomas Winter mit dem Sänger Veit Schäfermeier einen sehr poetischen und gleichzeitig kraftvollen Cyrano, der seinen Focus auf die Gefühle legte - Gefühle der Liebe und der Angst vor Ablehnung. Die stimmlich und schauspielerisch anspruchsvolle Rolle bewältigte Veit Schäfermeier ohne Wenn und Aber. Man litt mit ihm - er wirkte absolut authentisch. Eine kleine Legende, die davon berichtet, dass Cyrano de Bergerac den Auftritt des Schauspielers Montfleury im Theater verhindert haben soll, wird zum Auftakt des Musicals. Nur, dass Montfleury hier ein Sänger ist, der mit rot gemalten, runden Bäckchen bewusst eher an eine Putte, als an einen Romeo erinnerte. Vor einem herrlich altmodischem Bühnenbild (Ulf Jakobsen) gab Vladimir Lortkipanidze eine hinreißend komische Mischung aus Biene Majas Willi mit einem Touch "Le cage aux folles" und hatte als "Warm up" das Premierenpublikum sofort in beste Laune versetzt. Ein wütend agierender Cyrano mischte nun erst einmal wild um sich fechtend alles auf, während sich die schöne Heldin Roxane (Lucy Scherer) in den jungen Kadetten Christian (Fabio Diso) verliebte. Damit lagen die Spielkarten auf dem Tisch. Infolge wurden in dem Musical der Autoren Koen van Dijk und Ad van Dijk immer wieder geschichtliche Wahrheit, das Ursprungswerk von Rostand und reine Fiktion so miteinander verwoben, dass ein Zuschauer ohne genauere Kenntnis der Zusammmenhänge (die in dem diesmal unverzichtbaren Programmheft jedoch hervorragend erläutert werden) allein auf die reine Aktion schaute und sich hier vor allem an der Musik erfreute. Sie wurde von Kapellmeister und Arrangeur William Ward Murta mit dem Kammerorchester des Bielefelder Stadttheaters und dem Theaterchor (Einstudierung Hagen Enke) sowohl schwungvoll als auch immer wieder schmachtend in Szene gesetzt. Die Inszenierung bestach vor allem durch ihre reichen Bilder - mal reduziert aber enorm wirkungsvoll, wie in der Balkonszene, in der ein übergroßer Mond einen romantischen Park beleuchtete, dann wieder überbordend, wenn zum Beispiel die Bäckerei "steppte" und eine geradezu revueähnliche Tanzszene (Choreographie Véronique Lafon) präsentierte. Reine Sprechszenen gab es so gut wie gar nicht - alle Emotionen wurden also gesanglich-musikalisch transportiert. Roxane war keine Femme fatale, die die Männer verwirrt, sondern eine "Pfirsichblüte", die von der Liebe träumte und eher als Ikone der edlen Weiblichkeit dient. Perfekt also, um idealisiert, auf ein Podest gehoben und von Cyrano nur von Ferne angebetet zu werden. Christian, der Roxanes Herz nur mit Hilfe von Cyranos Geist - in Poesie gegossen - erobern kann, wurde auch gesanglich nicht halb so leidenschaftlich wie Cyrano, das war jedoch durchaus stimmig. General de Guiche ist Cyranos Widersacher - in einer speziell für die Bielefelder Fassung geschriebenen Nummer gesteht der General sich am Ende ein, wie sinnlos er aus purem verletzten Narzissmus handelte, als er Cyrano und seine Mannen aus Rache in die Schlacht schickte und dort vor ein Himmelfahrtskommando stellte. Diese Reue wurde von Alexander Franzen sehr intensiv dargestellt. Hier ganz typisch, aber auch sonst zwischendurch, erhielt das Stück dadurch eine große Tiefe. Das "Zwischendurch" ist jedoch ein Problem. Diese raschen und häufigen Wechsel zwischen Komik und Tragik sind es letztlich, die das Stück gleichzeitig gewinnen und verlieren lassen - hatte man sich gerade auf die Gefühlsebene eingelassen, wurde man schon wieder amüsiert. Manche Musikstücke sind einfach zu lang gewesen. Man konnte sich leicht darin verlieren. Häufig gab es jedoch begeisterten Szenenapplaus für die zahlreichen Stärken. Was immer beim Zuschauer jeweils als Eindruck überwogen haben wird: Das Traurige oder die Komik - beides hatte Klasse. Nur wirkte das Ganze oft ein wenig überfrachtet. Man kann es aber auch anders sehen: Als übervolle Schatzkiste mit vielen einzelnen funkelnden Steinen. Das Funkeln lag auf jeden Fall im abwechslungsreichen und liebevoll ausgestatteten Bühnenbild, in den fantastischen Fechtszenen, in den lebensfrohen Tanzszenen, in den oft wunderschönen Melodien mit Ohrwurmqualität, in den reichen Kostümen und natürlich in dem immer wieder zu Herzen gehenden Gesang.

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