Bielefeld (rh). Graf Maximilian von Moor hat zwei Söhne, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: Der jüngere namens Franz ist ein intriganter Machtmensch, der gar nicht abwarten kann, seinen Vater in der Herrschaft abzulösen, der ältere namens Karl wird zum Chef einer Räuberbande, die sich mit den Mächtigen der Welt anlegt. Zudem lieben sie beide Amalia, doch die ist ganz und gar Karl zugewandt. Karl, zugleich Revolutionär und Romantiker, möchte am Ende sein kleines Glück mit ihr genießen, doch das lassen die Räuber nicht zu: die Frau gehöre der ganzen Bande. Das alles hat Friedrich Schiller mit seiner kraftvollen, noch nicht ans Versmaß gefesselten Sprache zu einem Drama verdichtet, das schließlich mehrere Akteure in ausweglose Situationen führt, ohne dass der Dichter dem Publikum Lösungen aufzeigt, welches denn nun eigentlich Freiheit und der der richtige Weg zur ihr sei.
Schillers Erstlingswerk aus dem Jahre 1782 hat der junge Regisseur Tom Tonndorf mit seinem Team "Prinzip Gonzo" mit einer Reihe interessanter, aber sicher auch diskussionswürdiger Regieeinfälle auf die Bühne des Theaters Bielefeld gebracht. An den Anfang hat er eine Video-Sequenz gestellt, mit der er die Jugend der beiden Brüder beleuchtet, um dann Franz (Janco Lamprecht: bestens disponiert zwischen eiskalt und aalglatt) im intriganten Gespräch mit seinem Vater (Thomas Wolff: dessen Hilflosigkeit überzeugend verkörpernd) zu präsentieren. Das sehr reduzierte Bühnenbild ermöglicht es, die Aussagekraft der Sprache Schillers optimal zur Geltung zu bringen. Je weiter die Handlung dann aber fortschreitet, desto mehr dominieren Video-Effekte und musikalische Einspielungen, und vieles von Schillers Text wird fortgelassen, manches andere mit aktuellen Bezügen hinzugefügt. Nachdem Karl das "tintenklecksende Seculum" in Video-Interviews aufgearbeitet hat, erscheinen schließlich die Räuber (Stefan Imholz, Sebastian Graf, Niklas Herzberg) zunächst in farbenfrohem Outfit; ihr Auftreten lässt Anklänge an die Comedia dell’arte wach werden. Später werden sie kostümmäßig auch zu Affen gemacht. Wer sich dann an unbekleidet anmutenden schönen Männerkörpern erfreuen will, kommt hier sicherlich auf seine Kosten. Mit dem Auftreten des diabolischen Spiegelberg (Georg Böhm), der sich übers Mikrofon ans Publikum wendet und ein Freiheitslied zum Mitsingen intoniert, entfernt sich die Aufführung weit vom "originalen" Schiller, Spiegelberg fällt - schauspielerisch sicher gekonnt - durch die Vorgaben der Regie im wahrsten Sinne des Wortes aus der Rolle. Die Regie hatte auch den Einfall, Rollen mit dem jeweils anderen Geschlecht zu besetzen. So wird Karl durch eine Frau (Isabell Giebeler) verkörpert und Amalia durch einen Mann (Jakob Walser): beide haben die damit verbundene schauspielerische Herausforderung bestens gelöst, insbesondere in ihrem Dialog gegen Ende des Stücks, bei dem die Dominanz der Sprache ohne unterlegte Klangeffekte wieder in den Vordergrund rückt. Zusammengefasst: Schauspielerisch war eine großartige Leistung zu sehen, aber darüber, ob die technischen Mittel der heutigen Zeit phasenweise so dominant eingesetzt werden müssen und ob so viel Schiller im Text gestrichen oder verändert werden sollte (beispielsweise blieb die ganze Kosinsky-Episode ausgeblendet, der Diener Daniel wurde durch einen Hermann ersetzt), wird es sicher geteilte Meinungen geben. Und als am Ende Karl wieder und wieder ruft: "Seid ihr zufrieden?" (und nicht etwa: "Dem Manne kann geholfen werden!"), so hätte man antworten mögen: "Mit euch Schauspielern ganz gewiss!" Auch Josephin Thomas setzte bei den Kostümen dem Stück angemessene Akzente, und das Gittergerüst als vorherrschendes Bühnenbild (Entwurf: Anna Bergemann) erlaubte einen flexiblen Wechsel zwischen den Szenen bei Hofe und denen der Räuber. Die aktuellen Bezüge freilich hätten auch bei weniger Eingriffen in die Textgestaltung nicht verloren gehen müssen.
