1. "Wir sollten aufhören, alles
schlechtzureden!"

    Lippe aktuell im Gespräch mit dem Bürgermeisterkandidaten Jörg Bierwirth

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    ? Schieder-Schwalenberg ist eine kleine Stadt mit großen und vielen Problemen. Welches Problem hat für Sie oberste Priorität wenn sie Bürgermeister werden? Bierwirth: Natürlich sind die Finanzen das große Thema, von dem alles andere beeinflusst wird. Genauso wichtig ist aber der demographische Wandel. Die Probleme, die sich aus dem Rückgang der Einwohnerzahl und der geänderten Altersstruktur ergeben werden leider noch immer unterschätzt. Sorgen bereitet mir im übrigen der Zustand der Infrastruktur. Insbesondere der Unterhaltungsstau im Bereich der Gemeindestraßen und Wirtschaftswege dürfte jedem offensichtlich sein. Zu diesem Zweck muss ein aktuelles Straßen- und Wegekonzept vorgelegt werden, in dem die erforderlichen Maßnahmen mit Prioritäten versehen werden. ? Die Zahl der Einwohner in Schieder-Schwalenberg wird immer geringer. Wie kann die Großgemeinde wieder attraktiver für die vorhandenen Bürger oder für potentielle Neubürger werden? Bierwirth: Vergleicht man Schieder-Schwalenberg mit anderen Städten, dann müssen wir uns wirklich nicht verstecken. Wir verfügen über ein vielfältiges Kultur-, Freizeit- und Sportangebot und können stolz sein auf die Jugend- und Seniorenarbeit. Schieder-Schwalenberg ist attraktiv und wir sollten endlich aufhören immer alles schlechtzureden. Ein Unternehmer käme auch nie auf die Idee, neue Kunden dadurch zu gewinnen, dass er ihnen erzählt, wie schlecht es seiner Firma doch geht. Die Stärken Schieder-Schwalenbergs sind die engagierten Bürger, das aktive Vereinsleben und die dörflichen Strukturen. Dieses gilt es zu erhalten und zu unterstützen. ? Schieder-Schwalenberg hat große finanzielle Probleme. Wie kann man die Stadt auf einen ruhigen finanziellen Weg führen? Bierwirth: Die finanziellen Probleme lassen sich nur durch eine Erhöhung der Einnahmen, durch eine Reduzierung der Ausgaben oder durch eine Mischung aus beidem lösen. So simpel das klingen mag, so schwierig ist aber die Umsetzung. Einerseits wäre nämlich die Vorstellung, mal schnell ein paar neue steuerzahlende Gewerbebetriebe anzusiedeln doch sehr naiv, andererseits ruft jede Sparmaßnahme sofort Proteste der Betroffenen hervor. Da die Steuer- und Abgabenbelastung aber gerade in diesem Jahr bereits deutlich gestiegen ist, sehe ich die Notwendigkeit vorrangig in der Ausgabenreduzierung. ? Bürger sind ehrenamtlich in Vereinen tätig. Wie bewerten sie die ehrenamtliche Arbeit in Schieder-Schwalenberg? Bierwirth: Die Leistungen der Vereinsmitglieder und aller anderen ehrenamtlich Tätigen sind die Stärke Schieder-Schwalenbergs. Was das Ehrenamt an Aufgaben wahrnimmt, wäre für die Stadt gar nicht bezahlbar. Gerade in der jüngsten Zeit sind durch Vereine und Initiativen Aktivitäten in Gang gekommen, die zukunftsweisend sind. Jetzt gilt es, diese Aktivitäten zu unterstützen und nicht durch das Anmelden von Bedenken auszubremsen. ? Das Infrastrukturkonzept der Stadt Schieder-Schwalenberg sieht die Schließung oder eventuelle Übernahme von Hallen an Vereine vor. Wie stehen Sie dazu in Bezug auf die finanzielle Lage der Stadt und der ehrenamtlichen Arbeit der Bürger? Bierwirth: Natürlich müssen alle Modelle tabulos diskutiert werden. Wir müssen aber immer auch darauf achten, dass wir die Vereine finanziell und personell nicht überfordern. Die Stadt darf sich einerseits nicht aus der Verantwortung stehlen und andererseits muss allen klar sein, dass auch Ansprüche zurückgeschraubt werden müssen. Wichtig ist auf jeden Fall, zusammen mit den Vereinen Wege zur Lösung von Problemen gesucht werden. ? Wie bewerten sie den Tourismus in Schieder-Schwalenberg? Bierwirth: Auch wenn sich der Tourismus in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt hat, bleibt er ein wichtiger Faktor. Wir müssen uns allerdings verstärkt Gedanken über die Zielgruppen machen, die wir ansprechen wollen. So gibt es zum Beispiel die Tagestouristen und es gibt Gäste, die vielleicht in der historischen Altstadt in Schwalenberg ein paar Nächte bleiben wollen. Das sind völlig unterschiedliche Zielgruppen, auf die man eingehen und denen man passende Angebote machen muss. Zu diesem Zweck müssen alle Akteure viel stärker zusammenarbeiten. ? Wie bewerten Sie die Wirtschaft von Schieder-Schwalenberg? Benötigt Schieder-Schwalenberg mehr Wirtschaft? Wie ist das zu sehen im Bezug auf den Tourismus? Bierwirth: Die Stadt ist auf eine gesunde Wirtschaft angewiesen. Unser Ziel sollte daher ein gesunder Mix aus Dienstleistungs- und Handwerksbetrieben sein und natürlich gehört auch der Tourismus dazu, der ein Teil der Wirtschaft ist und nicht etwa eine Alternative dazu. Gerade wir haben doch in den letzten Jahren schmerzlich erleben müssen, was es bedeutet, wenn die Arbeitsplätze verloren gehen. Wir müssen also den engagierten Unternehmern den Rücken stärken und ihnen gute Rahmenbedingungen schaffen. ? Wie sehen Sie die Jugendarbeit in Schieder-Schwalenberg? Sollte sie vielleicht eher zentralisiert werden oder sollten die vorhandenen Einrichtungen Bestand haben? Bierwirth: Die Jugendarbeit in Schieder-Schwalenberg hat seit jeher eine sehr gute Qualität und war auch immer dezentral angelegt. Das sollte grundsätzlich nicht in Frage gestellt werden. Durch das Mehrgenerationenhaus in Schwalenberg hat die Qualität noch einmal einen erheblichen Schub bekommen. Ich verstehe dieses Mehrgenerationenhaus allerdings als Ergänzung der dezentralen Angebote. ? Was sind ihre Ideen in Bezug auf die Nahversorgung der Bürger? Mancherorts gibt es keinen Einkaufsladen (mehr). Wie kann man hier – insbesondere die Versorgung der älteren Mitbürger – verbessern? Und wie ist es finanzierbar? Bierwirth: Die Nahversorgung muss natürlich verbessert werden. Die Stadt muss auch hier für die richtigen Rahmenbedingungen sorgen und natürlich Kontakte zu möglichen Händlern knüpfen. Es gibt in jüngster Zeit auch wieder verstärkt interessante Dorfladen-Konzepte, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Hierzu zählt auch die Vermarktung der örtlichen Produkte. Wir müssen allerdings auch alle mal unser eigenes Verhalten kritisch hinterfragen. Wir können nicht einerseits unsere Besorgungen in den Nachbarstädten oder im Internet erledigen und gleichzeitig klagen, wenn in Schieder-Schwalenberg ein Händler aufgibt. Wenn wir stattdessen nach dem Motto verfahren "Hier lebe ich, hier kauf ich ein!", dann wird es auch ein entsprechendes Angebot geben.

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