Lemgo (ag). Abtauchen in eine andere Welt, eine Welt in der vieles möglich ist – durch die Nase atmen gehört nicht dazu. Im Eau-Le in Lemgo versuchte sich LA-Redakteurin Anja Gedeik, bei einem Schnupperkurs des Tauchclubs Lemgo.
Wir tauchen immer tiefer. Stück für Stück. Je tiefer wir kommen, desto mehr habe ich einen leichten Schmerz in den Ohren. Mein Buddy Stephan hält mich leicht an der Hand. Die ganze Zeit führt er mich durchs Wasser. Oder führe ich ihn? In regelmäßigen Abständen sucht er den Blickkontakt mit mir. Er formt die Finger seiner rechten Hand zu einem "O". "Ist alles okay?", will er wissen und sieht mich erwartungsvoll an. Der Druck auf meine Ohren wird stärker. Druckausgleich. Ich muss den Druckausgleich machen. Ich hole tief Luft und mit zugehaltener Nase und geschlossenem Mund puste ich fest, als wenn ich meinen Kopf aufpumpen wollte. Es sollte jetzt in meinen Ohren klacken. Es klackt aber nicht, es klickt nicht mal. Ich versuche es wieder und wieder. Nichts. Mein Buddy beobachtet mich und fragt noch mal, ob alles okay ist. Der erste Vorsitzende des 160 Mitglieder zählenden Tauchclubs Lemgo e.V., Stephan Rothermel, ist Tauchlehrer und heute mein "Buddy". Er passt auf mich auf und ich passe auf ihn auf. So ist das unter Tauchern. "Man geht nie alleine tauchen", erklärt Sandra Pelster, mit festem Blick gleich zu Beginn meines Abenteuers. Sie ist Trainer-C und darf damit die Hallenbad-Ausbildung machen. "Schon an Land macht man einen Buddy-Check. Da kontrolliert man bei dem jeweils anderen, ob die Ausrüstung korrekt sitzt, die Schlauchführung frei hängt und das Druckluftgerät (DTG) aufgedreht ist. Unter Wasser helfen Buddys einander, möglichst bevor es zu Problemen kommt." Meine Ohren tun weh. "Bitte auftauchen!", zeige ich mit meinem "Daumen hoch". Langsam, aber sicher nähern wir uns der Wasseroberfläche. Wie war das? Beim Auftauchen weiteratmen, als wenn nichts wäre – am besten ausatmen. Also mache ich einen letzten tiefen Atemzug und atme ruhig aus während ich immer noch voll konzentriert auftauche. Stephan und ich proben den Druckausgleich. Jetzt klappt er. Von der Sonne geblendet und noch unter Strom, bemerke ich wie die kleinen Wellen an meinen Neoprenanzug klatschen. Stephan sagt etwas nachdenklich: "Du bist schnell. Tauchen ist für mich Ruhe und Entspannung. Ich bin immer langsam unterwegs". Ich nehme den Atemregler aus dem Mund und fahre innerlich langsam runter. Plötzlich spritzt Wasser laut gurgelnd und spotzend von der Wasseroberfläche mitten in mein Gesicht und lässt mich gleichzeitig zusammenfahren und nach Luft schnappen. Das ist doch nicht wahr – jetzt habe ich unter Wasser geatmet und ersaufe an Land! "Der Atemregler!", grinst Sandra vom Beckenrand aus zu mir runter. Den Atemregler hatte ich achtlos losgelassen. Er war ins Wasser geglitten und die Luft aus der Druckluftflasche hatte ihn zu einer unkontrollierten kleinen Fontäne werden lassen. "In den Druckluftflaschen ist reine Atemluft!", erklärt Sandra. "21 Prozent Sauerstoff, 78 Prozent Stickstoff und 1 Prozent Restgase." Ich schnappe mir den Atemregler und halte ihn hoch über Wasser, als hätte ich einen Fisch gefangen. Der richtige Umgang mit der Ausrüstung will gelernt sein. Als die Taucher des Tauchclubs mich mit einem Bollerwagen – beladen mit Neoprenanzügen, Druckluftflaschen, Flossen und allerlei anderem Zeug – empfingen und zum großen Außenbecken im Eau-Le eskortierten, wurde mir schlagartig die technische Seite des Sports bewusst. Dass mir das Tauchen nicht leicht fallen würde, hatte ich erwartet, aber der Gang zum Becken, ausgerüstet mit dem "Autonomen Leichttauchgerät"(in der Norm EN250) und allem drum und dran, fiel 30 Kilogramm schwerer als gedacht. Ich ziehe meine Tauchmaske über den Kopf und beiße auf das Mundstück des Atemreglers. Die Nase ist ab jetzt nur noch ein funktionsloses Ding, das ab und zu mal juckt. Durch den Mund einatmen und durch den Mund ausatmen ist angesagt – bis mein Hirn und mein Körper das akzeptieren dauert es eine Weile. Mein Gesicht berührt schon die Wasseroberfläche. Im Normalfall würde ich genau jetzt meine Augen schließen und die Luft anhalten, aber ich atme weiter, bewusst und konzentriert. Stephan und ich entern das 3,90 Meter tiefe Becken am Sprungturm. Es ist still um uns, nur das Wasser gluggert. Die Landratte ist umgeben von Wasser. Die quietschgrünen Flossen an meinen Füßen gleiten unermüdlich auf und ab, sind mein Motor, lassen mich durch das Becken schweben. Ich erkunde eine neue Welt. Über mir schlagen Beine um sich – manche in klaren und dynamischen Bewegungen, manche zappeln unkoordiniert und hektisch. Von unten sehen die Wellen noch schöner aus. Und sie tanzen, reflektiert von den Sonnenstrahlen, auf dem Boden. Ich glaube, ich habe es verstanden: Es geht nicht darum, schnell auf der anderen Seite des Beckens anzukommen. Es geht darum, alles wahrzunehmen, was mich umgibt und zu spüren, was das Wasser mit mir macht, wie es mich trägt. Hier unten ist das Wasser mein Freund und ich bin ein Fisch. Es ist faszinierend schön.
