1. Nachsicht oder Bestrafung? Loyalität oder Verrat?

    "La clemenza di Tito" als spannendes Psychodrama im Forum der HfM

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    Detmold (rh). Gratulation! Das neue Bibliotheksgebäude der Hochschule für Musik wird den Studierenden und Dozenten mit Sicherheit angenehme und komfortable Arbeitsmöglichkeiten bieten. Zur Einweihung des Forums erklang im "Kammerformat" unter der Regie Thomas Mittmanns Mozarts Oper "La clemenza di Tito". Auch wenn die Akustik und die Sichtmöglichkeiten der Räumlichkeit – das Publikum saß in einem langgestreckten Bereich unter einer Zwischengeschossdecke – nicht optimal waren, so hinterließen die Stimmen der jungen Sängerinnen und Sänger zur Klavierbegleitung von Helen Mager-Osborne einen ausgezeichneten Eindruck zur Geltung, insbesondere, wenn sie sich zu einem Duett oder Chor vereinigten. Eine würdige Einweihung! Als der römische Kaiser Titus (Tito) aus Gründen der Staatsraison seine Beziehung zu Berenike aufgab, wäre eigentlich für Vitellia der Weg frei gewesen, den Platz an der Seite des Imperators einzunehmen. Doch sie war nur dritte Wahl, und darum stiftete sie ihren Verehrer Sextus (Sesto) zu einem Attentat auf den Kaiser an, konnte aber schließlich die Geister, die sie rief, nicht mehr bändigen. Sextus steckte das Kapitol in Brand, wurde verhaftet und vom Senat zum Tode verurteilt. Als Vitellia am Ende bekannte, dass sie die Anstifterin war, ließ Titus Milde (clemenza) gegenüber beiden walten. Dieser Plot, basierend auf der Lebensbeschreibung des römischen Autors Gaius Suetonius Tranquillus, wurde von Pietro Metastasio 1734 zu einem Opernlibretto in drei Akten geformt, das wiederum 1791 von Caterino Mazzolà speziell für Mozart auf zwei Akte komprimiert wurde (hier hat sich leider ein Fehler im Programmblatt eingeschlichen: es ist explizit nicht ein "Libretto von Pietro Metastasio nach Caterino Mazzolà", sondern umgekehrt!). Mit dieser – seiner letzten – Oper (KV 621) sollte Mozart zu den Festlichkeiten zu Ehren Leopolds II. anlässlich dessen Krönung zum König von Böhmen beitragen, und was lag näher, als nach Art eines Fürstenspiegels die Milde des Herrschers in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen, das inkriminierte Delikt war Verrat aus Liebe. Die Seelenqualen des Sesto, der sich hin- und hergerissen zwischen Liebe zu Vitellia und Loyalität zu Tito sieht, wurden von Annika Brönstrup überzeugend dargestellt, insbesondere als ihre Stimme in einen wahrhaft bewegenden Dialog mit der Klarinette (Astrid den Daas) trat, den sie auch mimisch überzeugend unterstreichen konnte. Gleiches gilt für Xiao Zhang als Tito, der in einem Soloauftritt die inneren Konflikte des Kaisers nach außen trägt, die in der Erkenntnis kulminieren, er wolle die Treue des Volkes durch Liebe erringen, nicht durch Furcht. Publio, der Prätorianerhauptmann (Bartolomeo Stasch), präsentiert den gescheiterten Attentäter und empfiehlt konsequentes Handeln; durch sein Auftreten nach Art eines Bodygards setzt er erfrischend moderne Akzente und macht zugleich nachdenklich. Menschliche Wärme strahlt Servilia, Sextus’ Schwester (Doris Maria Ritter), aus, die sich ebenso wie der von ihr geliebte Annio (Pia Buchert) beim Kaiser für Sesto einsetzt. Beide Stimmen gefielen durch ihre große Variationsbreite und meisterten die ihnen vorgegebenen Anforderungen bestens. Auch Vitellia (Charlotta Henricson) hinterließ einen starken Eindruck. Nuancenreich kommentierte der Chor (Einstudierung: Marbod Kaiser) das Geschehen vom düsteren "Tradimento" am Ende des ersten Aktes bis zur heiteren "Felicità" im Finale. Zusammengefasst: eine vorzügliche Ensemble-Leistung von Stimmen, die sicher bald auch in größeren Opernhäusern zu hören sein werden. Hervorzuheben ist ferner die ausgezeichnete Aussprache des Italienischen bei allen Akteuren. Unschön waren freilich kleine Nachlässigkeiten bei den Übertiteln, orthographische wie "Vesparianus" und "Gemächer der Vittelia" wie stilistische bei "Augustus kennt das Verbrechen, und nicht von mir" (Seppe il delitto Augusto, e non da me = besser: der Kaiser hat Kenntnis von dem Verbrechen erhalten, und dies nicht durch mich). Doch das tat der Freude über den musikalischen Hochgenuss keinen Abbruch.

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