Detmold (kh). "Beethoven ... Hammerklaviersonate." Bedeutungsschwanger hängen die Worte im Raum. Und dann: "Spätwerk. Kryptisch". Geraunt. Auwei. Lieber zu Hause bleiben? Oder doch hingehen? Ins Konzert. Und wenn ja, ist es nicht besser, einen ausgewiesenen Experten an der Seite zu haben? Oder ein Konzert-Survival-Kit in der Tasche? Herrje ... Was tun angesichts all der polemisierenden Diskussionen um unterschiedlichste Interpretationskonzepte dieser Sonate aller Sonaten? Locker bleiben. Erwartungsfroh sein statt ehrfurchtsvoll vor dem quasi zum Säulenheiligen ernannten Komponisten zu erstarren. Und dann: hinein ins Konzerthaus. Dort stehen an diesem Abend denn gar nicht nur eine, sondern gleich zwei pianistische Hochgebirgstouren auf dem Programm: Neben Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 29 B-Dur op. 106 "Hammerklavier" hat Pianist Louis Lortie auch noch die 24 Préludes op. 11 von Alexander Skrjabin im Gepäck. Nun denn. Auf zu einem Achttausender. Nur Mut. Zeit zum Zaudern bleibt ohnehin nicht. Denn da ist er: Lortie. Lässt sich mit knappem Gruß in Richtung Auditorium schnurstracks auf dem Klavierschemel nieder. Und schon durchbricht das wuchtige Eingangsmotiv der Hammerklaviersonate mit seinen Fortissimoakkorden die Anspannung. 45 Minuten lang wird nun Beethovenscher Klangkosmos in den Saal fluten. Souverän spielt Lortie in der Höhenluft – in Gefilden, in denen anderen die Puste ausgeht. Und dem Publikum – dem schwindelt sowieso inmitten einer solchen Gipfelstürmerei. Mag sein, dass der Franko-Kanadier dem Werk, das zur Zeit seiner Entstehung 1817 als unspielbar galt, kein neues Geheimnis entreißt, dass er kein kühner Sinnschöpfer ist – dennoch macht es atemlos, mit welch geistiger und technischer Beherrschung er diese gewaltige Klaviersonaten bewältigt. Wie im Zwielicht, tiefgründig und gleichzeitig selbstironisch scheint sich Beethoven über die Schulter zu schauen. Der Elan der Hammerklaviersonate ist ein widerspenstiger. Lortie lässt das in die Tasten fließen, stürzt sich in jene, dem Beethovenschen Spätwerk eigenen, zerklüfteten seelischen Abgründe, sodass alle Schroffheiten und Tonmassive, all das sehnsuchtsvoll Fließende, zu existentiellen Notwendigkeiten werden. Und das mit verstörender Dringlichkeit, die erinnern lässt, wie wenig sich der "Bonner Titan" in seinen letzten Schaffensjahren um das Machbare geschert hat. Triumph oder Scheitern, Himmel- oder Höllenfahrt ist das. Nur durch einen gefährlich schmalen Grat getrennt. Mit zukunftsweisendem Eigensinn und immer an der Grenze dessen, das Pianist und Flügel abverlangt werden kann. Stetig changierend zwischen dem "hellen" B-Dur und dem "schwarzen" h-Moll entfesselt Lortie die Emotionen ohne sie aus der Kontrolle zu verlieren. Will er sich diesem Massiv annähern, muss freilich auch der Hörer ein gewisses Maß an Anstrengung investieren. Noch schöner, wem an einem solchen Abend neben Wissen die Gabe zu staunen gegeben ist. Denn welch Vergeudung, jeden Takt, jede Phrase minutiös musikwissenschaftlich-analytisch und spielerisch-interpretatorisch zu sezieren. Wozu Stoppuhr und Metronom? Sollen eben im Hinterkopf kleine Lämpchen zu blinken beginnen: "Achtung, aberwitzige autographe Tempiangaben." Ja, und? Beiseite damit. Nicht auf Antworten drängen. Die Musik wirken lassen und sich für den Interpreten öffnen. Und dann hören: Aha, da ist etwas. Denn egal, ob Beethoven Noten auftürmt oder sie einstürzen lässt, ob der Hörer die Verarbeitung der Themen etwa durch Vergrößerung, Engführung oder Umkehrung immer erfassen kann – es geht gar nicht anders als sich von der elementaren Kraft und brutalen Schönheit dieses Werkes ergreifen zu lassen, das unter Lorties Händen innere Welten aufrührt. Klar wie ein Gebirgsbach, der einen strömend und saugend fortreißt. Pause. Runter kommen. Zurück ins Basislager. Durchatmen. Bevor es sodann wieder hinauf geht. Noch einmal. In überschaubaren Etappen jetzt. Auf andere Weise anspruchsvoll. Mit den 24 Préludes op. 11 von Alexander Skrjabin lässt Lortie dem Spätwerk Beethovens ein Frühwerk folgen. Beide Kompositionen waren zu ihrer Zeit Aufbrüche in neue Tonwelten. Auch wenn die zwei Dutzend "Miniaturen" in Aufbau und Stil noch stark am Vorbild der Chopinschen Préludes orientiert daherkommen und vom "Prometheus-Akkord" oder Klangorgien jenseits aller tonalen Bindungen noch nichts wahrzunehmen ist – die später für Skrjabins Stil typischen Quartschichtungen und die ausufernde Chromatik sind bereits anzutreffen und offenbaren, welch musikalische Zukunft in ihnen schlummert. Mit Empfindsamkeit und großem Atem nähert sich Lortie diesen kleinen Stücken. Kraftvoll-dramatische Passagen treffen auf kantable Szenerien und vereinen eine Vielfalt an Charakteren und Diffizilitätsgraden, die dem Pianisten Virtuosität abverlangen, vor allem aber Energie. Energie, die sie gleichzeitig wieder zurückgeben. Zerstörerisches steht neben Aufbauendem, Träumerisches neben Explosivem. Raue Höhen, die es zu erklimmen lohnt, finden sich Seite an Seite mit sanften Hängen. Sie scheinen von innen zu lodern, wenn Lortie sich dieser kleinen Kraftpakete annimmt und aus ihnen Geschichten von epischer Dichte destilliert. Töne perlen, Akkorde knallen und dröhnen. Raffiniert für die Finger. Was die mechanischen Vorgänge vergessen lässt. Sind das Hämmer, die auf Saiten schlagen? Jubelnder Applaus am Ende. Loslassen und zurücksinken. Tönetrunken. Lortie hat sich hoch hinaus begeben. Sich weder im virtuosen Inferno noch in purer Schönheit verloren. Hat erschüttert und beglückt. Das geht nicht mal so eben. Auch wenn es so klingt als wäre es die natürlichste Sache der Welt, spieltechnische und gestalterische Stolpersteine aus dem Weg zu räumen. Respekt vor den Schöpfern dieser Musik und ihrem kongenialen Interpreten.
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Gipfelmarathon mit Louis Lortie
Hoch hinaus im Meisterkonzert der Hochschule für Musik
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