Detmold (vf). Die Finissage der Ausstellung mit Lichtkunstwerken Hans Kotters ist gerade gut besucht abgeschlossen – direkt steht die nächste Vernissage für die Lippische Gesellschaft für Kunst (LGfK) bevor. Am vergangenen Sonntag öffnete die zweite Ausstellung der Saison. Gezeigt werden Papier- und Leinwandarbeiten des Malers Frank Rosenthal. Mit Samthandschuhen, Wasserwaage und Zollstock stehen Almut Schmersahl, Karin Strate-Kleinwegener von der LGfK und der Künstler persönlich im Ausstellungsraum des Detmolder Schlosses. Vor Ausstellungseröffnung müssen die Malereien Frank Rosenthals noch an die Wände der ehemaligen Schlossküche gebracht werden. Ein Balanceakt. Drei Jahre ist es her, dass die LGfK auf den Künstler, der mit seinen Werken bereits in der Kunsthalle Düsseldorf oder dem Sprengel Museum Hannover vertreten war, aufmerksam wurde. So fuhr eine kleine Delegation des Kunstvereins nach Hannover in das Atelier von Frank Rosenthal. Schnell war man sich einig, dass eine Auswahl seiner Werke im Detmolder Schloss gezeigt werden sollen. "Als wir nun vor einigen Tagen die Kisten öffneten und seine Werke im Schloss ankamen, waren wir dann doch erstaunt," gesteht Karin Strate-Kleinwegener. Es waren nicht die Malereien, die sie vor knapp drei Jahren im Atelier gesichtet hatten. Für die Ausstellung hat Frank Rosenthal seine neuesten Werke der letzten zwei Jahre zur Verfügung gestellt. "Das Neueste steht mir immer am nächsten", so Rosenthal. Grundlage der Rosenthalschen Malereien, von kleinformatigen Papierskizzen hin zu großformatigen Leinwänden, ist dabei die weiße Oberfläche auf der von außen farbige Elemente ins Bildzentrum treten. Vor drei Jahren noch blieb das Bildzentrum in Rosenthals Arbeiten ausgespart. Es entstanden rahmenartige Gebilde aus vielfarbigen Linien, die sich um die weiße Bildmitte schmiegten. "Vorsichtig die Fläche wieder besetzen", so Rosenthal, "sich langsam der weißen Bildfläche annähern unter der Frage, wie man den Bildraum neu besetzen kann." In den letzten zwei Jahren eroberte Rosenthal die Mitte des Bildes zurück. Seine neuesten Arbeiten sind ockerfarbene, erdtönige lineare Konstruktionen. Die Formen sind mit Linien zum Teil akkurat gezogen oder dynamisch auf die Leinwand gesetzt. Sie verstreuen sich über den weißen Hintergrund, ihr Inneres ist dabei ausgespart. Damit erinnern sie an Grundrisse aus der Architektur oder gar direkt an die Tektonik der Gebäude des sogenannten Dekonstruktivismus selbst. Frank Rosenthals durch Linien eingeschriebene Formkonstruktionen scheinen auf den weißen Bildflächen zu schweben, sich austarieren zu wollen. Fragil, tänzerisch und dynamisch. Es entstehen Balanceakte: Gleichgewichtsübungen nennt der Künstler sie. Ein "ästhetisches Gleichgewicht, das aber sehr fragil bleibt." Gleichgewichtsübung – in der Physiotherapie gelten sie als wichtiger Schritt zur Wiedergewinnung von Bewegungssicherheit und der "Haltung" im weitesten Sinne. So auch Rosenthals Gleichgewichtsübungen. Sie sind nicht nur bloße Formexperimente; sie referieren auf die Schwierigkeit, sich in der Welt einzurichten, eine Haltung oder Form zu finden. Bei den weltweit wahrgenommenen Kunstschauen wird derzeit ein Abgesang auf die Kunst angestimmt. Rem Koolhaas hatte bei der vorangegangenen Biennale in Venedig der Architektur ihr Ende prophezeit. Nun wird offenbar auch die Bildende Kunst zu Grabe getragen. Bei der derzeitigen Biennale in Venedig hängen von der Fassade des Hauptpavillons riesig schwarz-düstere Leinwände herab, arrangiert vom Künstler Oscar Murillo. Wie Trauerflor hängen sie so schlaff, als seien alle Bilder längst gemalt, als gebe es nichts mehr zu zeigen. Nicht so im Detmolder Schloss. Hier feiern Rosenthals "Gleichgewichtsübungen" die Malerei. Sie sind dabei nicht nur l’art pour l’art, sondern eine Auseinandersetzung mit der Fragilität und Haltung der Kunst allgemein. Eine abstrakte Verdeutlichung des Balanceaktes mit der Kunst(szene) unserer Zeit. Wie so häufig hat der Lippische Kunstverein eine gute und vor allem kluge Hand bei der Auswahl des Künstlers und der Werke bewiesen.
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Balanceakte der Kunst
Gesellschaft für Kunst zeigt Werke Frank Rosenthals
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