1. Erstmals läuft das "Meer" nicht mehr aus

    Kreisverband für Wasserwirtschaft hat mit ungewöhnlicher Idee ein Problem von landesweiter Bedeutung gelöst

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    HAGENBURG (gi). Idyllisch sieht es aus: Links schlängelt sich etwas unterhalb des Weges ein Bach. Rechts steht das Wasser bis an den Weg, dahinter Wald, Wasser, Sumpfpflanzen. Der unbefestigte, aber sehr stabile Weg wirkt wie ein Damm – und genau das soll er auch. Inmitten scheinbar urwüchsiger Wildnis südwestlich von Hagenburg hat der Kreisverband für Wasserwirtschaft ein Problem in den Griff bekommen, das für Jahrzehnte unlösbar schien und sogar höchste Etagen der Landesregierung immer wieder beschäftigte: Das Steinhuder Meer läuft nicht mehr aus.

    Der Laie schmunzelt: "Das Meer läuft aus?" August Lustfeld, Geschäftsführer des Kreisverbandes für Wasserwirtschaft, ist bei diesem Thema nicht nach schmunzeln: Ursprünglich war der mit 29 Quadratkilometern größte See Niedersachsens von Mooren umgeben. Die lagen höher als der Wasserspiegel. Als in den 50er Jahren die Moore entwässert wurden, um Flächen für die Landwirtschaft zu gewinnen, geschah etwas, was niemand erwartet hatte. Das nun trockene Moor begann sich zu zersetzen, es fiel geradezu in sich zusammen. "Im Südwesten senkte sich der Boden um bis zu 70 Zentimeter", betont Lustfeld. Direkt an der Grenze zwischen "Meer" und (ehemaligem) Moor, wo der Boden noch nass war, blieb eine Art Kante, die das Auslaufen verhinderte. Das Steinhuder Meer gleicht einer Schüssel. Die Folge ist ein doppeltes Dilemma. Da das Meer keine ernstzunehmenden Zuflüsse hat und das Moor als Wasserspeicher ausfiel, drohte der Wasserstand dramatisch zu sinken. "An Naturschutz hat damals noch keiner gedacht", so Lustfeld, "das Meer war aber schon ein Wirtschaftsfaktor für die Fischer, die ,Auswanderer‘, den Tourismusbereich mit Ausflüglern und Seglern. Es wurde früh damit begonnen, über ein ausgeklügeltes System auch solche Bereiche, die zuvor gar nichts mit dem See zu tun hatten, dorthin zu entwässern. Gräben wurden ausgebaut und umgeleitet, mit Dükern über- und untereinander geführt. Die Kehrseite war aber eben die schmale Kante ohne Höhenspielraum, die das Meer am Auslaufen hindert: "Nach Starkregen oder Schneeschmelze gab es regelmäßig Land unter", weiß August Lustfeld aus jahrzehntelanger Erfahrung. "Wenn sich ein Wasserspiegel von fast 30 Quadratkilometern Fläche um drei Zentimeter hebt, dann gibt’s kein Halten mehr, da können wir mit dem kleinen Ablassbauwerk am Steinhuder Meer wenig machen." Die Fachleute vom Kreisverband mussten ein geradezu mystisches Gefühl für das Wetter entwickeln, um rechtzeitig vor einem Gewitterregen das Wehr zu öffnen. Reichte das nicht oder lagen Gefühl und Wetterbericht falsch, ergossen sich auf vollen 1,5 Kilometern Breite gewaltige Wassermassen über die Wiesen und Felder und flossen wochenlang nicht ab, weil der Südbach völlig überlastet war. "Und wenn der Südbach voll in Rehburg ankommt, dann haben auch die Rehburger ein Problem", beschreibt der Geschäftsführer des Kreisverbandes eine Art Domino-Effekt. Das Meer einzudeichen, war keine Lösung und angesichts des im fraglichen Bereich geltenden höchsten Naturschutzgrades auch nicht erlaubt. Das Zuschütten von Gräben half nur bedingt. Und so gab es über Jahrzehnte immer wieder Streit – den einen war der Wasserstand zu hoch, den anderen zu niedrig, und im Zweifel war der Kreisverband Schuld, der - aus purer Boshaftigkeit - je nach Sichtweise zu viel oder zu wenig Wasser abließ. Lustfeld hat in über 20 Jahren so viele Infoveranstaltungen zum Thema geleitet, dass er sie nicht mehr zählen kann. Auf die Lösung kam er vor einiger Zeit beim Stöbern in alten Unterlagen. Dort fanden sich nämlich Karten mit Wegen und Angaben zu deren ursprünglichen Höhen. "Die Wege mussten ohnehin dringend saniert werden. Und wenn wir sie dabei auf ihre ursprüngliche Höhe bringen würden, würde das Meer nicht mehr auslaufen." Das war auch seitens des Naturschutzes genehmigungsfähig. Mit dieser Idee lief Lustfeld bei der Gemeinde Hagenburg wie in Hannover offene Türen ein. Größtenteils finanziert durch das Land und in Absprache mit dem Naturschutz wurden zwei naturnahe Teiche angelegt und die Wege um einige Zentimeter angehoben. "Erstmals, seit der Mensch angefangen hat, am Meer herum zu regulieren, können wir jetzt den Wasserstand garantieren", zieht Lustfeld Bilanz. "Das ist gut für die Fischer, Segler, Urlauber, Anwohner, Landwirte und natürlich für die Natur." Für die hat der Kreisverband am Steinhuder Meer noch etwas in petto. Bislang ist das so genannte Ablassbauwerk, das quasi den Ursprung des Steinhuder Meerbaches darstellt, für die Fische das letzte Hindernis zwischen Nordsee und Steinhuder Meer. Noch in diesem Jahr soll dort ein Fischgerinne gebaut werden, das erstmals seit rund 60 Jahren die ökologische Durchgängigkeit ermöglicht. Foto: privat

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