Lemgo (nr). Einen Kuss für den Froschkönig und einen für Dornröschen: Es gibt Erinnerungen, die man nie vergisst. Märchen sind solche Erinnerungen und sie können Brücken zu Menschen bauen, die ihre Erinnerungen an ein altes Leben verloren haben. Am Montag haben Teilnehmer des Seminars "Märchen als Erinnerungsbrücken" von zwei Referenten der "Akademie für Erzählkunst" erfahren, wie man zauberhafte Geschichten einsetzen kann, um Emotionen und Erinnerungen bei Demenzkranken zu wecken.
Erinnerungen sind häufig mit Gefühlen verbunden. Selbst wenn durch Krankheit oder auch durch das Alter viele Erinnerungen schwinden, so bleiben doch die Gefühle. "Umso wichtiger ist es, niemals die Würde dieser Menschen zu verletzen", erklärte Referent Lothar Schröer, "denn das Unterbewusstsein bekommt alles mit." Ob mit einem Demenzkranken in der eigenen Familie oder beruflich – die Erfahrungen zeigen, dass der Alltag von Erkrankten von Unruhe und Angst geprägt ist. Märchen scheinen gerade bei solchen Menschen Schubladen im Kopf zu öffnen. Die Geschichten, die immer das Leben in den Mittelpunkt stellen, lassen durch Bilder und Redewendungen Erinnerungen erscheinen, die längst vergessen schienen. "Die Erinnerungen mögen ganz unterschiedlich sein", sagt Marianne Vier, ebenfalls Referentin der "Akademie für Erzählkunst", "aber sie wecken Gefühle. Genau diese Gefühle, die man in diesem Moment gemeinsam erleben darf, verbinden und bilden so eine Brücke zueinander." Beide Referenten "arbeiten" dabei aber nicht nur mit Worten oder lesen Geschichten vor. "Man muss sich immer im Klaren sein, was oder wen man erreichen will", weiß Lothar Schröer. "Man kann durch Stimme, Gestik und Mimik viel erreichen, aber durch Geräusche, Gerüche, Essen oder Musik noch tiefer in die Erinnerungen dringen. Wer vielleicht in jungen Jahren viel gesungen hat, wird oft durch alte Lieder innerhalb der Erzählungen angesprochen. Deshalb ist es wichtig, Märchen nicht einfach vorzutragen, sondern erlebbar zu machen." Marianne Vier und Lothar Schröer haben es bereits unzählige Male erlebt, wenn Menschen, zu denen nur noch schwer, oder auch gar kein Kontakt hergestellt werden konnte, sich bei Erzählungen öffnen, mitsingen oder wieder lachen. "Wenn Menschen die Erinnerungen verlieren, suchen sie nach Erklärungen und Antworten", weiß Silke Schmidt vom Mehrgenerationenhaus in Lemgo. "Dass sie für sich andere Wahrheiten finden und sich andere Realitäten zurechtlegen ist nur der logische Schluss." Für die 20 Teilnehmerinnen des Seminars im Mehrgenerationenhaus haben sich neue Türen geöffnet, um wieder eine Brücke zu Demenzkranken bauen zu können. Sie haben erfahren, dass Märchen Erinnerungen wecken können; Erinnerungen, die Glück und Geborgenheit vermitteln. "So entstehen kostbare Momente, die miteinander geteilt werden können", betonte Marianne Vier. Die Veranstaltung war eine Kooperation der Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen im Kreis Lippe und des Mehrgenerationenhauses in Lemgo. Die Referenten der "Akademie für Erzählkunst" Marianne Vier und Lothar Schröer widmen sich seit vielen Jahren der Sprachförderung vor allem im schulischen Bereich. Die Arbeit mit alten oder auch an Demenz erkrankten Menschen liegt ihnen ebenso am Herzen, haben viele Jahre Erfahrung doch gezeigt, wie sehr Märchen einen Zugang zu Menschen jeden Alters ermöglichen.
