Lügde (afk). Nach den stürmischen und Tagen mit sintflutartigen Regenfällen war das wahrlich nicht zu erwarten: Pünktlich zur Traditionsveranstaltung am Ostersonntag, dem Osterräderräderlauf in Lügde, schien die Sonne, und es blieb den ganzen Tag lang trocken. Zwar waren die Temperaturen noch etwas niedriger, aber dagegen wappneten sich die wieder tausenden Zuschauer, die vor allem in den Abendstunden in die Stadt an der Emmer strömten, entsprechend. "Fast optimal", zeigte sich denn auch der Pressesprecher des Dechenvereins, Dieter Stumpe, erleichtert. "Aber wir wissen, dass wir ein Freiluftereignis ausrichten, und da muss man mit allen Spielarten der Witterung rechnen. In diesem Jahr hatten wir einfach Glück." Zwischen 20.000 und 25.000 Besucher, so schätzten Dechenverein und Polizei, dürften am Ostersonntag das Ereignis verfolgt haben.
Bis auf das fünfte Rad, das schon im ersten oberen Drittel der 400 Meter langen Laufstrecke vom Weg abkam und sich im Gebüsch festfuhr, rollten alle anderen ziemlich weit ins Tal hinunter. Optimal erwischte das zweite Rad die Spur, lief nahezu gerade vom Abstoß am Osterkreuz, durchbrach am Fuß des Osterberges krachend den Holzzaun und landete schließlich im Auffanggraben. Die vielen tausend Zuschauer dort waren schlichtweg begeistert und bejubelten wie auch die anderen vom Geläut der Kirchenglocken begleiteten Läufe. "Eine tolle Atmosphäre", schwärmte ein Besucher, der extra zu diesem Ereignis aus Paderborn angereist war und lobte weiter: "Das, was die Lügder hier auf die Beine gestellt haben, ist großartig."
Nicht nur ihm gefiel die Gesamtinszenierung des abendlichen Spektakels. Der Dechenverein hatte für dieses Jahr angekündigt, auf aufwendige (und teure) Shows im Begleitprogramm zu verzichten und das Hauptereignis, den Lauf der sechs Feuerräder, wieder mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Eine gute Entscheidung, die zwar nicht von denjenigen uneingeschränkt geteilt worden war, die das Traditionelle gern mit Zeitgemäßem (wie im letzten Jahr die Lasershow) kombiniert sehen wollen. Auch der zuletzt zunehmenden Kommerzialisierung haben die Dechen-Verantwortlichen einen Riegel vorgeschoben. Das tat der Gesamtveranstaltung keinen Abbruch sondern eher gut. Nicht zuletzt hatte sich diesmal auch wieder die Beobachtung der letzten Jahre bestätigt, dass die Besucher erst in den späten Nachmittagsstunden oder direkt zum Räderlauf nach Lügde kommen, der seine größte Anziehungskraft zur Hauptzeit, dem Einsetzen der Dunkelheit, entfaltet. Da füllten sich zusehends die ausgewiesenen Parkplätze und die Parkflächen an den Straßenrändern. Die eingesetzten Ordnungskräfte und die Polizei meldeten keine besonderen Vorkommnisse; alles lief ruhig und gelassen ab. Auch bei der spätabendlichen Abreise setzte sich das fort: Es gab keine Unfälle.
Vom frühen Nachmittag an verkündeten die vom Osterkreuz abgefeuerten Böllerschüsse die verschiedenen Phasen der Vorbereitung des Räderlaufes. Als nach dem sonnenbestrahlten Umzug die Pferde vor dem mit den gekränzten sechs Eichenrädern beladenen Wagen gegen Traktoren ausgetauscht und auf dem Abrollplatz am Gipfel des Osterberges angekommen waren, erfuhren das die Bewohner des Talkessels durch den dreifachen Kanonendonner. So setzte sich das fort: Jedes Mal wenn rein Rad fertig gestopft war, lud Michael Windemuth seine Kanone erneut. In der letzten Stunde vor dem ersten Start steigerten jeweils alle 15 Minuten drei Kanonendonner die Spannung. Da brannte bereits das seit Tagen aufgeschichtete Osterfeuer am Abrollplatz lichterloh. Zum Glück herrschte Windstille und der durch das feuchte Brennmaterial entstehende Qualm stieg senkrecht in den Abendhimmel auf. Der erste Beifall rauschte auf, als kurz vor 21 Uhr rote Feuer am Rand den Berghang illuminierten und in großen Buchstaben der Dechengruß "Gut Lauf" aufflackerte. Dass das "T" und das "F" sich zunächst etwas sperrten und von Hand erst zum Brennen gebracht werden mussten, war nur eine kleine Episode am Rande, die niemanden wirklich störte.
Kurz danach begann dann auch schon der Osterräderlauf. Während im Tal das Blasorchester Lügde die Wartenden mit flotten Klängen unterhielt richteten sich die Blicke aller immer wieder zum hell leuchtenden Osterkreuz. Mit dem Kanonenschlag verlosch es, die Kirchenglocken läuteten und dann entzündeten die Männer der Aktivengruppe der Dechen mit Fackeln das Stroh in den vollgestopften, massigen Rädern. Auch wenn diese schon nach wenigen Auenblicken in hellen Flammen standen und mancher ungeduldig das Abstoßen des Rades erwartete – die Dechen mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung wussten auch diesmal wieder genau den richtigen Zeitpunkt abzuschätzen, um dem Rad mit einer langen Stange den Schubser ins Tal zu geben. Feuerspeiend, eine lange Spur des herausgefallenen Strohs hinter sich lassend, wälzten sich die Ungetüme talwärts, wo die bereits von Dechen mit ihren Hakenstangen erwartet wurden, die nach dem Ausrollen die brennenden Strohreste aus dem Rad herauszogen, um Brandschäden daran zu verhindern.
Begeistert begleiteten die Zuschauer den Lauf jedes Rades und der Jubel steigerte sich jeweils, wenn das Rad schließlich angekommen war.
Diese Begeisterung des Publikums war dann auch beim abschließenden Höhenfeuerwerk, das wieder in altbewährter Form von der Firma Rohr aus Wedemark entwickelt worden war, erlebbar. 15 Minuten lang kreierten die abgeschossenen Raketen und Bomben farbenprächtige und abwechslungsreiche Bilder an den Nachthimmel.
Der gesamte Räderlauf war in diesem Jahr von gleich drei Drohnen aus luftiger Höhe gefilmt worden. Der WDR hatte eine große gestartet, die Material für einen Film zum Thema "NRW aus der Luft" liefern soll. Markus Kleinsorge hatte gleich zwei Drohnen am Start, die den Räderlauf für Vereins- und Marketingzwecke verfolgten. Eine davon stieg zum Abschluss sogar noch über das Höhenfeuerwerk hinaus auf.
Lang anhaltender Applaus dankte schließlich den Dechen für diese Traditionsveranstaltung, die Pressesprecher Stumpe zufrieden zusammenfasste: "Es ist hundertprozentig gelaufen."
