Horn-Bad Meinberg. Ein Leben voller Tragik, sagen die einen. Ein Leben, das Mut macht, sagen die anderen. Mehr als 100 Menschen, einige davon selbst im Rollstuhl, wollten bei der Lesung des Paralympics-Stars Florian Sitzmann in der MediClin Rose-Klinik erfahren, wie das Schicksal aus einem Jugendlichen von 2,04 Metern einen nur noch halb so großen "Sitzmann" machte – und wie er trotzdem seinen Lebensmut wiederfand.
"Ein Thema, das gut zu unserer Klinik passt", meinte Pflegedienstleiterin Alice van der Heide bei ihrer Begrüßung. "Viele Amputierte kommen zur Reha zu uns, und wir arbeiten eng mit der Selbsthilfegruppe für Amputierte in OWL zusammen."
Der Tag, der für Florian Sitzmann alles veränderte, war der 31. August 1992. Auf der Rückfahrt von Holland geriet der damals 15-Jährige als Motorrad-Sozius unter die Räder eines Lkw, verlor beide Beine – und behielt sein Leben. In seinem ersten Buch "Der halbe Mann" schildert er die Gefühle, nachdem er die Intensivstation verlassen hatte: Wut, Verzweiflung. Heute ist der Unfall für ihn seine zweite Geburt, und gleich zu Beginn der Lesung verrät er: "Mein Leben schreibt sich mit Humor."
Und tatsächlich sprüht der Mann, der sich unter Mühen und Schmerzen ins Leben zurückkämpfte, während der Lesung vor Witz und Lebensfreude. Von selbst ging das nicht. Sitzmann schildert, wie seine getrennt lebenden Eltern nach seinem Unfall zumindest als Eltern für ihn wieder zusammenfinden, wie seine Brüder helfen, wie wichtig ihm Omi und Opi werden.
Der Weg zurück ins Leben – ein Weg voller Hindernisse. Zum Beispiel, wenn man als Rolli-Fahrer früh morgens mit der Bahn von Darmstadt nach Berlin fahren möchte. Und manche Ziele bleiben einfach unerreichbar: "Venedig ist eben nicht barrierefrei." Und Deutschland kein Rollstuhlmärchen. Viele Menschen wollen im Alltag gerne helfen, betont Sitzmann. "Aber will man sich immer von völlig Fremden helfen lassen? Und was ist, wenn ich es zwar mit deren Hilfe in den Zug geschafft habe, am Zielbahnhof aber keiner da ist, um mir wieder herauszuhelfen?" Am Ende müsse man sich auch selbst helfen, dürfe sich nicht aufgeben, müsse nach vorn blicken, betont Sitzmann. Der Sport war ihm dabei eine große Hilfe. Vize-Weltmeister mit dem Hand Bike ist er geworden, bei den Paralympics 2004 in Athen vertrat Sitzmann die deutschen Farben. So fand er seinen Lebensmut und seine Lebensfreude wieder. Heute hat Florian Sitzmann eine siebenjährige Tochter. Heute genießt er es, mit seinem Cabrio durch den Taunus zu fahren und auch mal richtig Gas zu geben. Seine Botschaft: "Bloß keine halben Sachen. Jeder Tag gehört Dir."
