1. Viel liberaler als immer angenommen

    Homosexuelles Paar fühlt sich im Ort wohl und spricht über seine positven Erfahrungen mit Land und Leuten

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    WINZLAR/WIEDENBRÜGGE (jan). Manchmal, sagt Tim Simoneit, hat er schon geheult. Weil er es kaum fassen kann, wie groß die Akzeptanz für ihn in Winzlar und Wiedenbrügge ist. Das hat er früher ganz anders erlebt. Ob es nun der Zeitgeist ist oder insbesondere diese beiden Dörfer sind oder ob es damit zusammenhängt, dass er offen damit umgeht: als schwuler Mann hat er dort auf dem Land einen Platz gefunden, an dem er sich wohl fühlt. Ja doch, sagt er – er erfülle alle Klischees. Welcher Beruf wird schließlich mehr mit Homosexualität gleich gesetzt als der des Friseurs? Genau das ist er geworden, wenn auch mehr durch Zufall. Hauptsächlich wollte er einen Beruf haben, bei dem er mit Menschen zu tun hat. Das hat er oft und reichlich, seit er seinen kleinen Laden in Winzlar vor drei Jahren eröffnet hat. ‚Schnittstelle’ nennt der sich, war anfangs eigentlich nur ein Container mit Friseur-Innenleben, ist mittlerweile ein wenig erweitert worden und beschert ihm viele Kunden. Bunt gemixt sei diese Kundschaft, sagt er – von Frauen und Männern jeden Alters und aller Berufsgruppen bis zum Kind kommen sie zu ihm. Während er die Schere klappern lässt, tauscht er Klatsch und Tratsch und anderes mit seinen Kunden aus – und erzählt auch gerne von sich. Und von seinem Mann. Das lässt manche Kunden ein wenig aufhorchen. Und dann sinken sie doch wieder in den Stuhl zurück und lassen sich die Kopfhaut massieren. Wenn er von seinem Mann erzählt, dann ist das seit dem vergangenen Jahr etwas, das auch von Amts wegen so heißt. Im Sommer hat Tim Simoneit geheiratet - mit fast allem, was dazu gehört. Zum Standesamt sind er und André Rimkus, der seitdem André Simoneit-Rimkus heißt, in Sachsenhagen gegangen. Von der Trauung schwärmen beide, auch wenn es nur fast alles ist, was sie bekommen können. Unterschiede zu den Trauungen von Heteros gibt es doch immer noch. Denn treten Mann und Frau vor den Standesbeamten, dann gehen sie eine Ehe ein. Sind es aber Mann und Mann oder Frau und Frau, so werden sie vom Staat differenziert behandelt. Keine Ehe, sondern eine eingetragene Lebenspartnerschaft können sie eingehen. Die Pflichten, die sich für die Paare daraus ergeben, sind wie bei der Ehe, in den Rechten werden sie aber noch beschnitten.

    "Die Standesbeamtin war aber toll", sagt André Simoneit-Rimkus. Sie hätten sich von ihr gewünscht, dass sie in ihrer Ansprache auch die Worte Heirat und Ehe verwendet. In den offiziellen Formeln ist den Beamten das verwehrt – in die persönliche Ansprache habe sie es aber sehr schön einfließen lassen. Was danach kam, als sie mit ihren Familien aus dem Rathaus traten, das war eine besondere Überraschung für das frisch getraute Paar. Dort standen nämlich die Männer aus dem Rott Bahnhofstraße-Loccumerland in Stadthagen Spalier, in dem André Simoneit-Rimkus als Musiker tätig ist. Im Schützendress waren sie anmarschiert, um dem Paar zu gratulieren – wie sie es ansonsten eben auch tun, wenn jemand aus ihren Reihen heiratet. Und auch in Wiedenbrügge, wo die beiden leben, gab es nur freundliche Gratulationen – und kleine Überraschungen. Wie das große Buchsbaumherz mit den beiden weißen Tauben darin, das in ihrem Vorgärtchen aufgestellt wurde. Der kurze Besuch beim Wiedenbrügger Schützenfest im direkten Anschluss an die Flitterwochen bescherte ihnen dann ihre erste Aufgabe als Ehepaar: für Neubürger, sagten ihnen die Wiedenbrügger, gehöre es sich, einmal Rottmeister zu werden. Das steht ihnen nun für das kommende Jahr ins Haus. "Ich habe den Eindruck, dass es die Leute gar nicht übermäßig interessiert, dass wir schwul sind", sagt Tim Simoneit. In dem Dorf im Norden Deutschlands, in dem er aufgewachsen ist, da sei das noch ganz anders gewesen. Da wurde er geschmäht, manches Mal verprügelt, die Anfeindungen seien bis zu Morddrohungen gegangen. Umso schöner ist es jetzt für ihn, dass hier und jetzt alles gut ist und er wie auch André Simoneit-Rimkus so schnell und so sehr akzeptiert werden. Beispiele dafür hat er auch aus Winzlar viele. Wie die Feier zum einjährigen Bestehen seines Ladens. Allein dadurch, dass er mit seinen Kunden darüber geredet habe und ihnen sagte, dass er den Erlös des Festes an eine Rehburger Kindereinrichtung spenden wolle, habe sich ganz viel entwickelt, sagt er. Da habe die Feuerwehr des Ortes ihm kostenlos ein Zelt auf- und auch wieder abgebaut. Und da seien wohl zehn Frauen aus dem Ort gewesen, die Kuchen gebacken und gespendet hätten. Mitgefeiert hätten außerdem so viele, dass erst spät in der Nacht Schluss war – nicht zuletzt wohl, weil André Musik gemacht habe.

    Eigentlich als Hobby, mittlerweile mehr und mehr professionell und mit vielen Auftritten singt Simoneit-Rimkus und hat sogar eine eigene Band. Nebenberuflich ist das für ihn dennoch – im zivilen Leben ist er Beamter und arbeitet in einer Justizbehörde.

    Die Fete zum einjährigen Bestehen war also ein toller Erfolg, die Akzeptanz für die Neubürger schon zu diesem Zeitpunkt groß. Dass die beiden aber auch in anderen Beziehungen mitmischen wollen und auch gerne danach gefragt werden, zeigt etwa die Winzlarer Theatergruppe. Die stand kurz nach Geschäftseröffnung bei Tim Simoneit vor der Tür und hoffte darauf, dass ihre Schauspieler von ihm um den Kopf herum schön gemacht werden könnten, wenn sie zu Auftritten auf die Bühne wollen. Der Friseur ließ sich nicht lange bitten und hat schon im dritten Jahr für das Haupthaar der Theaterleute gesorgt – ehrenamtlich selbstverständlich. Wie selbstverständlich sie dazu gehören, zeigt sich auch, als die beiden Männer sich an der Winzlarer Eierbratstelle – dem zentralen Platz im Dorf - zum Fototermin aneinander kuscheln. Die Winzlarerin, die vorüber kommt, ruft lachend über den Platz: "Was macht ihr denn da?", lässt es sich kurz erklären und geht ihrer Wege. Man kennt sich, man duzt sich, man redet miteinander – und dass es zwei Männer sind, die da miteinander kuscheln, ist völlig in Ordnung.

    Foto: jan

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