1. Erschütternde Zeugnisse von Grausamkeit

    Ausstellung "Geraubte Kinder – vergessene Opfer" im Hexenbürgermeisterhaus

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    Lemgo (nr). Es sind bedrückende Erinnerungen an zehntausende kindlicher Schicksale; Kinder, die dem Rassenwahn der Nazis im dritten Reich zum Opfer fielen, ihren Familien geraubt, eingedeutscht und damit ihre Wurzeln, ihre Identität verloren haben. In Zusammenarbeit mit der Alten Hansestadt Lemgo hat der Freiburger Verein "Geraubte Kinder – vergessene Opfer" die gleichnamige Wanderausstellung ins Museum Hexenbürgermeisterhaus gebracht. Bis zum 31. März dokumentieren unzählige Film-, Bild- und Textdokumente das Schicksal von Kindern, die nach "arischen" Maßstäben "eingedeutscht" wurden.

    Zwei Zeitzeugen – zwei der geraubten Kinder – gaben zum Ausstellungsbeginn am vergangenen Wochenende ihre Erinnerungen preis: Hermann Lüdeking, alias Roman Roszatowski, der als Kind zur "Eindeutschung" nach Lemgo kam und Folker Heinecke, alias Aleksander Litau, der nach seiner Verschleppung nach Hamburg kam, sprachen über früheste Erinnerungen; das Leben im Heim und in der "neuen" Familie, ihre Identitätssuche, verschwundene Dokumente und der Enttäuschung, von Seiten der Bundesregierung offiziell nicht als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt zu werden.

    Dank des Engagements von Menschen wie dem Kurator der Ausstellung, Christoph Schwarz, der akribisch viele der Opfer ausfindig und deren Schicksale dokumentiert hat, erfahren die Besucher von einem Teil deutscher Geschichte, der stark vernachlässigt wurde und wird. Es gibt nur ungenaue Zahlen über die Kinderverschleppung der Nazis. Von bis zu 200.000 Kindern allein aus Polen wird berichtet. Dazu kamen tausende Kinder unter anderem aus Russland, Norwegen, Tschechien und Slowenien.

    Die für die Nazis als "rassisch wertvoll" angesehenen Kinder wurden nach "arischen" Maßstäben systematisch vermessen, psychologisch eingestuft, verschickt und "eingedeutscht".

    "Die Kinder durften nur deutsch sprechen", erinnerte sich Hermann Lüdeking. "Wer sich nicht daran hielt, wurde in den Keller gesperrt."

    In vielen der von der SS getragenen Lebensborn-Einrichtungen, Assimilierungsheimen oder Familien waren die Strafen drakonischer. Auch heute noch leiden viele der noch lebenden "geraubten Kinder" unter Ängsten. "Da ist oft das Gefühl, als wäre jemand hinter mir, der mich jederzeit fassen könnte", gibt Folker Heinecke zu. Auch die Angst vor Dunkelheit ist beiden Männern geblieben.

    Das besetzte Polen war zu dieser Zeit eine Art Versuchslabor. Hieß es von offizieller Seite häufig, dass es sich bei den verschleppten Kindern um Waisen handelte, die "gerettet" wurden, so belegen Dokumente, Aussagen und Erinnerungen, dass Kinder von der Straße weg geraubt oder auch Eltern deportiert, getötet und die Kinder einfach verschleppt worden sind. "Dabei müssen wir zugeben", erzählte Hermann Lüdeking, "dass es uns beiden nicht schlecht ergangen ist in den "neuen" Familien. "Wir hatten Glück, unzählige andere geraubte Kinder nicht." Die, die nicht den Vorstellungen der Nazis entsprachen oder sich wehrten, kamen ins "Verwahrlager", einem Kinder-KZ oder wurden ermordet. Überlebende hatten oft nicht einmal mehr eine Familie, ein Zuhause, eine eigene Identität.

    Die Ausstellung beleuchtet einzelne Schicksale, lässt aber in ihrer Gesamtheit nicht vergessen, dass die Zahl derer, die die Grausamkeit und die Selbstherrlichkeit der Nationalsozialisten erleben und erleiden mussten, eben keine einzelnen Schicksale waren. Für die, die sich erinnern und nach ihrer Identität suchen, ist die Ablehnung der Bundesregierung, sie als Opfer des Nationalsozialismus anzuerkennen, ein Schlag ins Gesicht.

    Die Ausstellung will aufklären und den Opfern eine Stimme geben. "Wir sind nicht verantwortlich für das, was passiert ist", betonte Christoph Schwarz, "aber wir dürfen nicht aufhören, uns an die Geschichte zu erinnern.

    Noch bis zum 31. März 2015 ist die Wanderausstellung "Geraubte Kinder – vergessene Opfer" im Museum Hexenbürgermeisterhaus, Breite Straße 17 bis 19, (05261) 213-276 zu sehen. Geöffnet ist sie jeweils Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr. Weitere Informationen gibt es unter "www.geraubte.de".

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