BAD REHBURG (jan). Wie wünschen sich Landesbischof und Landesrabbiner das Gedenken an den Holocaust? Wie stehen sie zu der Verlegung von Stolpersteinen? Wie sollten die Religionsgemeinschaften miteinander umgehen? Auf Einladung der Rehburg-Loccumer Stolperstein-Initiative haben Ralf Meister und Jonah Sievers ihre persönlichen Ansichten zur Erinnerungskultur in der "Romantik Bad Rehburg" diskutiert.
Ralf Meister, Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, bezieht Position. Zuletzt öffentlich, indem er sich unter die Menge der Gegendemonstranten mischte, die sich versammelt hatten, als in Hannover "Hooligans gegen Salafisten" demonstrierten. "Wenn der Landesrabbiner mich bei solchen Gelegenheiten nicht gesehen hätte, dann hätte ich es nicht ernst gemeint", sagt Meister. Der Landesrabbiner in Niedersachsen, Jonah Sievers, sitzt neben Meister, während der dieses sagt – und neben Meister hat er bei der Gegendemonstration gestanden. Zu Formen des Widerstandes gegen Antisemitismus befragt, erzählt Sievers von der komplizierten Situation für die Juden. Dabei gehe es in erster Linie gar nicht um den "Bodensatz des Antisemitismus", von dem ohnehin alle wüssten. Vielmehr zeige sich dieser Antisemitismus in seiner vollen Ekligkeit zu aktuellen Anlässen – wie dem Ausbruch des Gaza-Krieges in diesem Jahr. Zu solchen Gelegenheiten melden sich viele zu Wort, die nicht unbedingt diesem Bodensatz der Neo-Nazis zugeordnet werden.
Das Wissen um das Judentum müsse nun deutlich mehr in Schulen und Kirchengemeinden gebracht werden, sagte Meister in Bad Rehburg. Zusätzlich müsse auch der Dialog mit den jüdischen Gemeinden gefördert werden. Als wichtig und richtig sahen es sowohl Sievers als auch Meister an, dass Erinnerung wach gehalten wird. An zwei Punkten setzte dazu Fritz Erich Anhelm an, der die Moderation der Diskussion übernommen hatte. Der Politologe und ehemalige Direktor der Evangelischen Akademie Loccum arbeitet selbst seit einem Jahr als einer unter vielen im Rehburg-Loccumer Stolperstein-Projekt mit. Die Unterschiede der Erinnerung zwischen Stadt und Land waren das eine, was Anhelm erfahren wollte, das andere die ganz persönliche Meinung der beiden Männer zu dem Projekt.
Zu den Stolpersteinen habe er eine Position, die "nicht Fisch noch Fleisch" sei, sagte Sievers. "Es gibt kein richtig oder falsch, sondern nur die Meinung der Familien", ist seine Ansicht. Wollten die Familien der Opfer beziehungsweise die zuständigen jüdischen Gemeinden die Verlegung der Steine, so unterstütze er das. Stimmten sie dagegen – dann beziehe er auch diese Position. So lange solche Projekte begleitet würden, mehr als nur ein Stein verlegt und nach den Biografien geforscht werde, halte er die Projekte für gut. Dabei, sagte Meister, stehe aber auch die Verweildauer der Stolpersteine im Raum. Ein oder zwei, drei oder vier Generationen? Er meine, dass immer dann, wenn eine Dorfgemeinschaft sich damit auseinandersetze, auch die Nachhaltigkeit der Erinnerung gegeben sei. Unterschiedliche Aspekte ihres Projekts versuchte die Stolperstein-Initiative mit einem Einschub in die Diskussion darzustellen. Mit Antworten auf die Motivation, sich an dem Projekt zu beteiligen. Mit den Worten des Nachfahren einer überlebenden Jüdin, dass es Menschen geben müsse, die sich kümmern, um eine bessere Zukunft gestalten zu können. Mit Erfahrungen aus Begegnungen innerhalb des Projekts und mit der Frage, ob es nicht auch wichtig sei, sich mit Mitläufern und Tätern auseinanderzusetzen – was zu spontanem Applaus führte.
Eine sehr dichte Diskussion, ein nachdenkliches und zum Nachdenken anregendes Gespräch, wie Anhelm es zusammenfasste, ging mit einem guten Wunsch zu Ende: Der Jude in der Runde, Jonah Sievers, wünschte den Christen ein schönes Weihnachtsfest. Foto: jan
