Lemgo (nr). Geschätzte 750.000 Tonnen Altkleider werden pro Jahr in Deutschland gesammelt. Das entspricht einem ununterbrochenen LKW-Konvoi von Kiel bis München. Doch wo bleiben diese riesigen Mengen an Altkleidern? Antworten gab es bei dem Vortrag "Was passiert mit unseren Altkleidern?" im Lemgoer Rathaus. Andreas Voget vom Dachverband Faiwertung gab Informationen zur Kleidersammlung in Deutschland, erklärte die Wege, die unsere Altkleider gehen und ging auf rechtliche Grundlagen in der Kleidersammlung ein.
Die Sammelmenge von 1999 ist im Jahr 2014 um satte 70 Prozent gestiegen. Das liegt laut Andreas Vogt vor allem daran, dass zum einen die Kleidung gemessen am Einkommen immer billiger wird und zum anderen werden die Modetrends immer schneller gewechselt. Monatliche Kollektionsumstellungen in größeren Kaufhäusern sind normal geworden. Die Masse an anfallenden Altkleidern wird entweder von gemeinnützigen oder karitativen Organisationen, sowie von gewerblichen Sammlern oder Kommunen umgesetzt.
"Schwarze Schafe" gibt es bei den Sammlungen immer. Sogenannte pseudo-karitative Sammlungen wollen den Eindruck von Wohltätigkeit vermitteln, wirtschaften aber tatsächlich nur in die eigene Tasche. Andere verwenden die "Logoerlassung". Dabei wird das Logo einer bekannten wohltätigen Organisation gemietet und darf genutzt werden. Dabei wissen die karitativen Einrichtungen häufig nicht, zu welchen Zwecken ihr Name missbraucht wird.
Die Rechtslage ist unklar. Zwar müssen sowohl karitative, als auch gewerbliche Altkleidersammler inzwischen ihre Altkleidercontainer bei der jeweiligen Behörde anzeigen, dennoch haben vor allem kleinere Kommunen Probleme mit "wilden" Containern, die häufig – sehr zum Ärger der Eigentümer – auf Privatgrundstücken abgestellt werden. Inzwischen können die Unternehmen, die so vorgehen, abgemahnt werden, allerdings ist die Rechtslage noch zu schwammig, um auch kleinere Kommunen ohne eigene juristische Abteilung abzusichern.
Die Altkleider nehmen dabei zwei Wege. Container- und Haustürsammlungen gehen oftmals unsortiert an gewerbliche Abnehmer oder landen in Kleiderkammern, wo ein Teil selbst verwertet und in eigenen Läden verkauft werden kann. Überschüsse gehen auch hier an gewerbliche Abnehmer. Das sind vorwiegend Sortieranlagen, die die Altkleider ankaufen und entsprechend dem Zustand als Gebrauchtkleidung vermarkten, was bei fast 60 Prozent der Kleidung passiert. 45 Prozent der Altkleider sind minderwertig und werden zu Putzlappen und Ähnlichem verarbeitet. Geld verdienen diese Betriebe nur mit der sogenannten "Secondhandware". Minderwertige Ware kann nicht kostendeckend umgesetzt werden, ist also das Hauptproblem bei der Wirtschaftlichkeit für diese Unternehmen.
Der Anteil, der in Deutschland bleibenden Textilien ist aufgrund steter Nachfrage stark gestiegen.
"Das liegt zum einen daran, dass es immer mehr Gebrauchtkaufhäuser" gibt", weiß Andreas Voget zu berichten. "Außerdem kaufen immer mehr, vor allem junge Menschen, ganz bewusst Secondhandware, die mittlerweile "hoffähiger" geworden ist."
Der überwiegende Teil der Kleidung geht in den weltweiten Handel und dort hauptsächlich nach Afrika. Diskussionen um ein Pro und Kontra bezüglich des Handels von gebrauchten Textilien mit Entwicklungsländern geben, nach Aussage von Voget auf Basis von Umfragen, mehr in Europa zu denken, als den Zielländern selbst. So leben in den Schwerpunktländern Afrikas für Gebrauchtkleider – Kamerun und Tansania – jeweils mehrere hunderttausend Menschen vom Handel oder dem Umarbeiten von Altkleidern. Dort ist ein eigener großer Markt entstanden.
Der Dachverband Fairwertung wurde 1994 gegründet und kümmert sich um Qualitäts-Standards, Transparenz und die ordnungsgemäße Verwertung von Altkleidern. Diese Transparenz über die Wege von Gebrauchttextilien funktioniert allerdings nicht über die Grenzen Deutschlands hinaus. Dafür wurde dann in einigen afrikanischen Ländern ein Dialogprogramm gestartet, das die Beurteilung eines secondhand Marktes im Blick hat.
In Lemgo verwerten drei seriöse Unternehmen die Altkleider. Zum einen stehen die auch optisch gut erkennbaren Altkleidercontainer der Lebenshilfe Lemgo an unterschiedlichen Standorten, Eben-Ezer macht zweimal jährlich kirchliche Sammlungen und nimmt zusätzlich in Neu Eben-Ezer Altkleider entgegen und "Agape Rumänienhilfe" sammelt über die Kirchengemeinden.
Die bekannten Wäschekörbe, die man hin und wieder vor den Häusern mit der Bitte um Kleiderspenden findet, stammen zu 99,9 Prozent von gewerblichen Sammlern und haben keineswegs mit Wohltätigkeit zu tun. "Auch nicht, wenn Namen von bekannten karitativen Organisationen auf den beiliegenden Zetteln stehen", warnte Andreas Voget.
Weitere Informationen erhält man im Internet unter "www.fairwertung.de".
