Lemgo (nr). Im Rahmen des internationalen Gedenktages "Nein zu Gewalt an Frauen" machte Liesel Kochsiek-Jakobfeuerborn, Vorsitzende des Kulturausschusses, einen historischen Stadtrundgang auf den Spuren jüdischer Frauen in Lemgo. Da Gewalt gegen Frauen immer noch allgegenwärtig ist und häufig tabuisiert wird, hatte die Gleichstellungsbeauftragte Susanne Weishaupt zudem interessante Informationen zur Situation von Frauen in heutiger Zeit.
Es war eine Führung, die Gewalt in vielen Facetten zeigte und obgleich Gewalt häufig mit physischen Einwirkungen assoziiert wird, machten beide Frauen auf eindrucksvolle Weise deutlich, dass Gewalt bereits dort anfängt, wo die Seele zu leiden beginnt.
Es gibt viele Worte, die Gewalt ausdrücken: Nötigung, Unterdrückung, Zwang, Unerbittlichkeit, Willkür. Die Reihe kann beliebig fortgesetzt werden. Davon betroffen sind fast immer die Schwächsten. Oft genug sind und waren es Frauen.
Bedrückend sind die Schicksale jüdischer Frauen, die auf sehr unterschiedliche Weise mit allen Formen von Gewalt konfrontiert wurden. Sie haben über viele Jahrhunderte Gewalt erfahren. "In Lippe war es so, dass die Emanzipation des Judentums erst 1859 kam", erklärte Liesel Kochsiek-Jakobfeuerborn. "Da sind sie Christen erst gleichgestellt worden. Bis dahin gab es ein Gesetz, das es nur drei jüdischen Familien erlaubte, in der Stadt zu leben." Für viele Juden bedeutete dies, in großen Städten in jüdischen Ghettos zu leben.
Nach dieser Gleichstellung um 1900, waren es dann um die 110 Personen jüdischen Glaubens, die in Lemgo lebten. Eine von ihnen war Lemgos Ehrenbürgerin Karla Raveh, geborene Frenkel. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten gerieten Menschen jüdischen Glaubens schnell in totale Isolation.
"Karla Raveh hatte zu dieser Zeit in der Schule ein Erlebnis, das sie nie wieder losgelassen hat", schilderte Kochsiek-Jakobfeuerborn.
"Eine Lehrerin sagte zu ihr, dass sie jüdisch sei und sich entscheiden müsse, entweder mit gesenktem Kopf dem Unterricht zu folgen, oder draußen vor der Klasse zu stehen, was als Strafe galt."
Karla Raveh entschied sich, dem Unterricht mit gesenktem Kopf zu folgen, aber diese Form von Gewalt, für die sich die Lehrerin aus eigenem Willen heraus entschieden hatte, brannte sich in die Seele des jungen Mädchens.
Die Führung ging unter anderem zum Frenkelhaus, in dem heute Bilder, Briefe und Dokumente ausgestellt sind, der ehemaligen Zigarrenfabrik der jüdischen Familie Kabaker an der Papenstraße, zur ehemaligen Synagoge, heute Mahn- und Gedenkstätte und zum Stadtarchiv, wo Archivar Marcel Oeben Dokumente von Zeitzeugen vorbereitet hatte.
Das alles überschattenden Thema Gewalt war überall präsent. Sei es durch alleinige Ausgrenzung, das Wissen um das furchtbare Schicksal von Freunden und Verwandten, die eigene Deportation und den schrecklichen Verlust von Familie und Freunden in den Konzentrationslagern.
Die historische Stadtführung zeigte eindrucksvoll die Dimensionen und Formen von Gewalt. Susanne Weishaupt nahm dies zum Anlass auch auf die heutige Situation von Frauen hinzuweisen. "1999 musste laut Bundesfrauenministerium jede vierte Frau Gewalt durch ihren Partner erfahren.
Eine aktuelle Studie der Europäischen Union spricht inzwischen von 35 Prozent aller Frauen in Deutschland, die mindestens einmal im Leben von Gewalt betroffen sind", so die Gleichstellungsbeauftragte.
Würde man diese Zahlen auf die Einwohnerzahlen Lemgos umrechnen, wären dies in der so beschaulichen Stadt fast 6.500 betroffene Frauen.
Um Betroffenen die Kontaktaufnahme zu erleichtern, existiert das bundesweite Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen". Das Hilfetelefon ist kostenlos und vertraulich unter der Telefonnummer 08000-116 016 und über Chat und E-Mail unter "www.hilfetelefon.de" zu erreichen. 60 Fachberaterinnen geben dort in 15 Sprachen Auskunft und Unterstützung – auch bei Familienangehörigen und Freunden.
Eine wertvolle Hilfe ist auch der vom Kooperationsgremium "Für Lippe gegen häusliche Gewalt" herausgegebene Ratgeber "Was tun bei häuslicher Gewalt". Er liegt mehrsprachig in den Gleichstellungsstellen aus.
