1. "Wir können nur das Bewusstsein schärfen!"

    Fünf Stolpersteine in Rodenberg und Hülsede erinnern an die Schicksale von Juden

    Dieser Eintrag wird bereitgestellt durch Schaumburger Wochenblatt | Impressum

    RODENBERG/HÜLSEDE (al). Zum zweiten Mal hat sich Günter Demnig im Bereich der Samtgemeinde Rodenberg auf Gehwegpflaster gekniet. Der Kölner Bildhauer erinnert an Opfer der NS-Zeit, indem er Messingplatten vor ihrem letzten Wohnsitz verlegt. "Stolpersteine" liegen jetzt auch vor dem Haus Lange Straße 23 in Rodenberg und in der St. Ägidien-Straße 17 in Hülsede.

    Ein erstes Gedenken dieser Art galt bereits vor zwei Jahren Paul Jost in der Echternstraße. Schon damals war bekannt, dass noch mehr Schicksale von Juden und Zwangsarbeitern aufzuarbeiten sind: "Wir können heute nichts wieder gutmachen", erklärte der Vorsitzende des "Bündnis Rodenberg für Demokratie" (BüRo), Uwe Märtens, "aber wir wollen das Bewusstsein schärfen". Dies sei mit den "Stolpersteinen" möglich. Demnig hat nach eigenen Angaben bereits 47.000 Platten in 18 Ländern verlegt.

    In Rodenberg sind sie Else und Gustav Windmüller sowie dessen Sohn Oskar gewidmet. Die Familie betrieb bis zu ihrer Deportation und Ermordung in Auschwitz im Jahr 1943 eine Fleischerei. Else und Gustav Windmüller wurden 53 und 58 Jahre, Sohn Oskar nur 21 Jahre alt.

    Während in Rodenberg einige Passanten sowie die Klasse 9 c der IGS Rodenberg die kleine Zeremonie verfolgten, in deren Verlauf Märtens aus dem Buch "Das Höllentor" von Anja Lundholm Zeugenberichte aus Nazi-Vernichtungslagern zitierte, blieb das Interesse in Hülsede weitgehend nur auf offizielle Vertreter beschränkt. Hier hatte sich der Grünen-Ratsherr Michael Ensslen besonders für das Gedenken an ermordete Einwohner eingesetzt und Spenden gesammelt. Allerdings war sein Engagement vor einigen Monaten auch von Ablehnung im Gemeinderat begleitet gewesen. Die Äußerungen in jener Ratssitzung hatte der BüRo-Vorsitzende umgehend heftig kritisiert. Jetzt erneuerte Märtens seine Haltung: "Hoffentlich sind die damaligen Äußerungen von Einzelnen nicht Meinung von Vielen!"

    Im Haus St. Ägidienstraße 17 lebten bis zu seiner Verhaftung 1938 der 63-jährige Viehhändler Adolf Levy, der nur wenige Monate später und damit noch vor der Reichspogromnacht den Tod im KZ Sachsenhausen fand. Die ein Jahr jüngere Ehefrau Elisabeth wurde 1942 über Ahlem deportiert und starb im Ghetto Warschau. Ensslen bezeichnete es als "perfide", dass der Betrieb des Unternehmers zunächst arisiert worden sei, um den Mann anschließend mit der Begründung "asozial und arbeitsscheu" ins KZ zu stecken. Ensslen kündigte weitere Forschungen an, um hiesigen Zwangsarbeiterschicksalen sowie einer Frau aus Schmarrie, die aus dem Deportationszug flüchten und so die NS-Drangsal überleben konnte, ebenfalls Stolpersteine widmen zu lassen.

    Kirchenvorsteher Clemens-Christian Stummeyer ergänzte die Feierstunde mit nachdenklichen Worten: "Auch evangelische Christen haben im Dritten Reich keine rühmliche Rolle gespielt." Er ließ die Frage offen, "wie wir heutigen Hülseder uns wohl 1938 verhalten hätten?" Foto: al

  2. Kommentare

    Bitte melden Sie sich an