BAD NENNDORF (jl). "Agnes Miegel als Vorbild? Pro & Contra" – Unter diesem Motto hatte das Bündnis gegen Rechtsextremismus "Bad Nenndorf ist bunt" zu einer Podiumsdiskussion in die Wandelhalle eingeladen. Dabei ging es weniger um die Bedeutung der Werke der 1964 auf dem Nenndorfer Friedhof begrabenen Schriftstellerin und Dichterin, als um ihre polarisierende Rolle im faschistischen Deutschland.
Vor rund 100 Gästen, darunter zahlreiche Schüler, diskutierten die Teilnehmer eifrig. Allerdings sehr einseitig. Denn weder ein Vertreter der Agnes-Miegel-Gesellschaft (AMG), die laut des Veranstalters das Thema grundsätzlich für "abwegig" erklärte – noch ein Delegierter der örtlichen CDU, die zu den Unterstützern des Agnes-Miegel-Denkmals gehört, waren präsent.
Eingangs erzählte die Historikerin Anke Sawahn aus der Biographie Miegels, wie diese zur "meistgedruckten Schriftstellerin" im Deutschen Reich wurde, ganz besonders von 1933 bis 1945. "Da war sie eine nationalsozialistische Schriftstellerin, der Befund ist eindeutig", unterstrich Sawahn.
Um dies zu untermauern las Bündnisvorsitzender Jürgen Uebel aus einem privaten Brief von Miegel vor, in dem sie ihre Verachtung für die Hitler-Attentäter und ihre Liebe zu dem Führer zum Ausdruck brachte. Der Brief vervollständige nur die Liste, in der sich Miegel als "überzeugte Nationalsozialistin" gezeigt habe. Aus einem weiteren Schreiben wurde sie gar als "180-prozentige Nationalsozialistin" zitiert. Um die Pro-Seite nicht gänzlich wegbrechen zu lassen, bezog die Moderatorin des zweistündigen Podiums Angelika Henkel (NDR) immer wieder Argumente mit ein, die etwa die AMG anführen könnte, wie zum Beispiel dass Miegel nur instrumentalisiert worden sei.
Dafür fanden die anwesenden Redner aber umso klarere Worte. Miegel sei alles andere als naiv und ein "kleines Kind, das aus den Reihen gerutscht ist," gewesen, stellte der Politikwissenschaftler Joachim Perels heraus. Als "positiver Teil des NS-Regimes" habe sie ihr Geschriebenes für richtig gehalten. Und wer die Unrechtstaten eines solchen Regimes, dem zwölf Millionen Menschen außerhalb des Krieges zum Opfer gefallen sind, unterstützt, "der ist als Bezugspunkt für ein Denkmal hier im Garten nicht geeignet", konstatierte Perels. Dieses habe als Vorbildfunktion im öffentlichen Raum "nichts zu suchen", ergänzte Bündnisvorsitzender Uebel. In den Kreisen der AMG hätte es aber sicherlich seine Berechtigung, "dann aber bitteschön auch auf deren Grundstück". Auf die Frage der Moderatorin, ob Bad Nenndorf keine anderen Probleme habe als darüber zu diskutieren, ob die Statue weg müsse oder nicht, antwortete Uebel: Es gehe vielmehr darum, wie eine Stadt mit ihrer Vergangenheit, wie eine demokratische Gesellschaft mit solch einem Erbe umgehe. "Und hier gibt es keine kritische Auseinandersetzung." Ein Ratsbeschluss über das Entfernen des Denkmals und ein Bürgerbegehren dagegen würden nicht die notwendige Diskussion darüber ersetzen. "Dieser muss man sich öffentlich stellen", forderte der Bündnisvorsitzende.
Im Anschluss an die Diskussion wurden auch viele Stimmen aus dem Publikum laut. Ein Beispiel: Die Stadt Bad Nenndorf schmücke sich in ihrem Herzen mit Agnes Miegel. "Das ist ihre Identifikationsfigur – Ist das eigentlich richtig und passend?", fragte ein Herr kritisch in den Saal. Angeprangert wurde unter anderem auch das fehlende öffentliche Schuldbekenntnis Miegels nach 1945. Allein in dem Wort Denkmal, so die Moderatorin zum Ende der aus dem Publikum als "überzeugend, sachlich und informierend" gelobten Veranstaltung, stecke bereits eine Aufforderung – in die eine und andere Richtung zu denken.
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