RODENBERG (pd). Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr erscheint für die meisten von uns weit weg. In den Nachrichten hört man einiges, auch leider schlimme Nachrichten von Anschlägen mit Verletzten und gefallenen Soldaten. Für den Rodenberger Zeitsoldaten Lennart Loreck und seine Familie war knapp 200 Tage das alles Realität. Denn der 24-Jährige war dort im Einsatz. Ein Erlebnis mit zum Teil hautnah spürbarer Bedrohung, mit der Trennung von Familie, Freundin und Freunden, aber auch mit der Überzeugung, genau das Richtige zu tun.
"Ich war mir bewusst, dass der Einsatz kommen könnte", schildert Lennart Loreck das Gefühl, als der Marschbefehl dann tatsächlich ausgesprochen wurde. Seit dem 1. Januar 2010 ist er Zeitsoldat. Seine Verpflichtung dauert noch bis Ende 2017. Den Grundwehrdienst leistete er in der Feldjägerkaserne Seedorf bei Bremervörde ab. Dort ist er bis zum heutigen Zeitpunkt in einer Aufklärungskompanie. Die Soldaten aus Seedorf gehören mit zu den Truppen, die seit Beginn des Mandats in Afghanistan im Einsatz sind.
Am 20. Januar 2013 machte sich die Fallschirmjägereinheit aus Niedersachsen auf den Weg nach Afghanistan ins Einsatzgebiet. Von Köln-Bonn ging´s im Verband von rund 200 Soldaten zunächst mit einem Airbus der Luftwaffe zum Lufttransportstützpunkt Termez in Usbekistan nahe der afghanischen Grenze. Am nächsten Tag nahm eine Transall die Truppen auf, um sie zusammen mit Ausrüstung und Gepäck nach Masar i sharif zu fliegen.
Der eigentliche Einsatzort war aber der "Obervation Post North" (kurz OP North genannt), auf halber Strecke zwischen Kabul und Kundus, rund 170 Kilometer von Masar i sharif entfernt. Weil deutsche Soldaten hier fielen, hat dieser strategisch bedeutende Beobachtungsposten traurige Berühmtheit erlangt. Zeitweise waren im Rahmen der ISAF Mission hier, 15 Kilometer nördlich der Provinzhauptstadt Baghlan, rund 700 Bundeswehrsoldaten sowie Soldaten verbündeter ISAF-Nationen stationiert. Mittlerweile hat die Bundeswehr den wohl gefährlichsten Außenposten geräumt und an die afghanischen Streitkräfte übergeben.
Der Rodenberger war mit seiner Einheit unter anderem für den Einsatz von Aufklärungsdrohnen zuständig. Diese unbemannten Luftfahrzeuge übertragen Bilder und Filme in Echtzeit an die Einheiten vor Ort im Einsatzgebiet. "Die Drohnen sind aus dem Lager gestartet und haben möglichst viel Informationen gesammelt. Ich war mit für die Starts und Landungen verantwortlich", beschreibt Lennart Loreck einen Teil seiner Arbeit. Es ging aber auch darum, den schrittweisen Rückzug mit abzusichern.
"In OP North hat Lennart alle Höhen und Tiefen durchgemacht, auch mehrfache Aufenthalte im Schutzbunker", hat Vater Peter in einer Mail geschrieben. Auch sein Sohn sieht das so. Der Weg nach draußen war immer mit Gefahren verbunden. In gepanzerten Spezialfahrzeugen wurden Außeneinsätze absolviert. Kleine Sehschlitze ermöglichten einen Blick nach draußen. Einmal wurden die Fahrzeuge der deutschen Soldaten mit Steinen beworfen. Aber pauschal schlecht urteilen über die Einheimischen möchte der junge Soldat nicht. "Da gibt es so wie bei uns gute und schlechte Menschen", so Lennart Loreck.
Schöne und wichtige Momente waren die regelmäßigen Kontakte per Smartphone oder Mail nach Hause, zur Familie, zu Freundin Kim, zu den Kumpels von der Feuerwehr in Rodenberg. "Das hat immer sehr gut getan", erinnert sich der Fallschirmjäger. Heiß ersehnt wurden auch die "Care"-Pakete von zu Hause. Alle zwei Tage kam die Post. Dabei waren ab und zu auch mal Dinge, die bei einem großen Internet-Versandhaus bestellt wurden und über die Feldpoststelle in Darmstadt an die Einheit in Afghanistan geschickt wurden. Alles das sorgte für ein bisschen "Alltag" im ansonsten angespannten Leben im Stützpunkt. Vor allem große Temperaturunterschiede und der mehlfeine Staub machten den Soldaten dort neben der Belastung durch die Einsätze zu schaffen. "Der Staub geht durch jede Ritze, gerade weil dort bei über 40 Grad im Schatten kaum Luftfeuchtigkeit herrscht", erinnert sich Loreck. Den letzten Monat seines Einsatzes absolvierte er im Nato-Hauptlager in Masar i sharif.
Am 5. August landete er wohlbehalten mit seinen Kameraden wieder in Köln/Bonn, dort sehnsüchtig erwartet von seinen Lieben und den Freunden. Auf die Frage, was er denn außer denen am meisten vermisst habe, kommt die spontane Antwort "Den alltäglichen Luxus". Gemeint ist damit das Essen von der Mutter, das entspannte Abhängen auf dem Sofa, das Tragen von Zivilkleidung, Spritztouren mit dem Cabriolet, die Freunde treffen. Lennart Loreck hat jetzt Urlaub, dann folgt eine dreiwöchige Art von Erholungskur. "Zum runterkommen", wie es der junge Soldat umschreibt. Dann wird er seinen Dienst in Seedorf wieder aufnehmen. Den Aufenthalt im Brennpunkt Afghanistan wertet er als interessante Erfahrung. Natürlich hätte er die Möglichkeit gehabt, den Einsatz abzulehnen. "Aber das ist ja so, als würde er als Feuerwehrmann es ablehnen, im Schadensfall mit zum Löschen rauszufahren", schüttelt er mit dem Kopf.
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