LANDKREIS. Ganz unten im Verzeichnis der Darsteller rangiert Truffaldino, ein Diener, eigentlich die Hauptfigur. Zum Leben erweckt ihn Ramon Bessel, in den Klotten eines Harlekin, versetzt mit rombusartigen Flicken, um auch äußerlich anzuzeigen: Er ist ganz auf das Motiv seines Lebens gepolt: das Leid. Sein Leidmotiv sozusagen ist der Hunger, der leere Magen schlechthin. Wahrhaft bejammernswert dieser Ramon Bessel, dem eine glänzende Regie unter Ulrike Dissmann Windungen und Wendungen herauskitzelt, mit denen sich dieses Häufchen Elend durchs Leben lavieren muss. Hierbei kommt ihm ein vermeintlich glücklicher Zufall zustatten: in den Dienst zweier Herren zu treten in der frohen Hoffnung, wenigstens dann den Magen leidlich gefüllt zu kriegen. "Dann will ich mich gerne plagen und tu freudig meine Pflicht, aber nicht mit leerem Magen, nein mit leerem Magen nicht." Leider jedoch Fehlanzeige. Beide Herren scheren sich nicht im geringsten um das Grundbedürfnis ihres Bediensteten. Wird deren Kopf doch von Leidenschaften aufgewühlt, die jegliches Mitgefühl verdrängen. Sie sind ausschließlich abgestellt darauf, dem verlorengegangenen Geliebten auf die Spur zu kommen. Müßig zu beschreiben, was im Einzelnen passiert, im Grunde alles blanke Banalitäten.
Warum bloß, in aller Welt, befällt den Zuschauer nicht gähnende, lähmende Langeweile? Hier die Antworten: Aus allen sprudelt eine überschwappende Freude am Spiel, jede Regung wird überdreht in Szene gesetzt: Umarmungen wollen gar nicht enden, das Seufzen ist bis in den siebenten Himmel hinein zu vernehmen, Enttäuschung verendet im jaulenden Gejammere, Entrüstung der Tochter lässt selbst den gestrengen Vater alt aussehen. Allen voran rangiert hier Clarice, die Tochter des Kaufmanns Pantalon. Isabelle Scheiber, so zart und klein sie ist, wächst sie doch mit jedem Ausbruch ihrer Gefühle weit über sich hinaus und lässt die Zuschauer Zeit und Ort vergessen. Leitmotiv – hier mit "t" geschrieben – ist laut Anweisung der Regie die Auflage zu ironisierenden Brechungen, womit natürlich damals, vor über 250 Jahren, wie heute wohlsituierte Stände regelrecht verulkt werden sollen, so hier Advokat Lombardi, der sich aufplustert wie ein Gockel, Mathis Manz mit Namen, dem es zugleich gegeben ist, als Sohn dieses Gockels den glühenden Liebhaber zu platzieren, ein Meister seines Faches. Auch Florindo gab sein Bestes; Philipp von Derschau musste sich darauf einstellen, den gestrengen, oft ungehaltenen Herrn ins Feld zu führen und den arg gebeutelten Diener Truffaldino entsprechend mit Kopfnüssen zu peinigen. Beatrice, auf der Suche nach eben diesem Florindo, ihrem Geliebten, muss bis kurz vor dem Ende, da sich alle Knoten lösen, in die Rolle des Federigo Rasponi schlüpfen. Wacker versteht sie ihre Weiblichkeit zu kaschieren. Zu hinreißender Belebung trugen schließlich die musikalischen Einlagen bei. Christoph Hirschauer als Kaufmann Pantalone strich den Kontrabass, Isabelle Scheiber tirilierte auf diversen Flöten, Ramon Bessel begleitete verhalten mit dem Akkordeon den Gesang aller drei Interpreten. So sangen sie vom Glück der Anderen, "Das Leben ist oft ungerecht", aber auch vom Aufbegehren gegen einen übermächtigen Papa und siehe da: "Am Ende geht doch alles immer so wie ich will", schließlich das Lied der verliebten Mädchen: Wo, aber wo ist der Meine. Hoffen und Bangen und süßes Verlangen gehören zur Liebe dazu." Ja, die Musik, arrangiert auch von Ramon Bessel, belebte die Szene außerordentlich. Die Münchner lieferten ein herrliches Finale dieser Theatersaison, einer Saison, die auch für Winfried Busse ein Finale ist. Zwanzig Jahre lang hatte er Winter für Winter den Nenndorfern mit jeweils sechs Theaterveranstaltungen Abwechslung geboten. Karl-Heinz Werner vom Kulturforum dankte ihm mit bewegenden Worten. Mit Frau Krage kann es zum Glück weitergehen. Man bleibe also dem Theater treu. Was sagt doch Winfried Busse? Ein Leben ohne Theater ist kein Leben.
Oskar Wedel