1. "Ich sehe die Dinge mit heiterer Gelassenheit"

    "Der Gott des Gemetzels" platzt rein in das Kurtheater Bad Nenndorf

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    BAD NENNDORF. Hören wir richtig? Aus dem Munde einer im Grunde zutiefst aufgebrachten Mutter vernehmen wir den Satz: "Ich sehe die Dinge mit heiterer Gelassenheit". Fakt aber ist: nichts von alledem. Wie soll das auch? Schließlich wurden Annettes elfjährigem Sohn von seinem Spielkameraden zwei Schneidezähne eingeschlagen. Da darf es im Gemüt einer Mutter ja doch wohl brodeln. Eben das aber darf nicht offenkundig zum Austrag kommen, wenn die Eltern des "Täters" den Eltern des "Opfers" einander gegenüber treten. Anstand muss gewahrt werden. Schließlich stellt man auf Gemeinschaft ab. Und Gemeinschaft braucht Anstand. Dieser aber ist aufgesetzt und kann auf Dauer nicht durchgehalten werden. Was dann alles aus dem Ruder geht, könnte genüsslich in aller Breite ausgeführt werden. Auf der Strecke bliebe dabei der Blick auf die Leistung der Darsteller. Sie aber sollen porträtiert werden. Beginnen wir bei den Damen: Annette Reille, Mutter des elfjährigen Ferdinand, dem der gleichaltrige Bruno Houillé zwei Schneidezähne eingeschlagen hat. Julia Siebenschuh erweckt Annette zum Leben, zunächst sehr verhalten, Regungen verrät allein die Mimik, das Spiel der Augen zeugt von erregtem Innenleben, allein das weitfallende Haar kündigt zu erwartende Eruptionen an. Und dann brechen auch sämtliche Dämme, wenn ein Wort zu viel vom Gegenüber wie ein Pfeil den Panzer durchbricht. Furiengleich stürzt man aufeinander los, erkennt den Fehltritt, nimmt sich sofort zurück, verharrt in erstarrendem Schweigen, Wogen scheinen geglättet. Dann wird das Gift von der anderen Seite verspritzt. Véronique, Mutter des Täters, kann nach einer mit Mühe eingehaltenen Anstandsfrist nun sich doch nicht bremsen, nimmt sich als Mutter des Täters das Recht, eindeutig Schuld auch dem Opfer zuzuweisen. Üppig in ihrer rein physischen Auslegung bedarf Illi Oehlmann nur weniger verbaler Attacken, um sich wirkungsvoll in Positur zu bringen. Zugleich widert sie das ganze Debakel derart an, dass ihr nicht nur zum Kotzen übel ist, nein: Sie kotzt regelrecht, windungsreich sich am Boden krümmend, quer über hochwertige Alben der bildenden Kunst.

    Und hier offenbart sich nun die brillante Könnerschaft aller Akteure: Was als "Schauspiel" ausgewiesen ist, verhaspelt sich förmlich und knickt weg in eine Lächerlichkeit, die denn auch diverse Lacher erzeugt. Wir befinden uns auf der Plattform der Komödie, in der Lachen und Weinen miteinander verschmelzen. Meisterlich hat der Regisseur Philipp Jenkins den Stoff von Yasmina Reza derart feinsinnig seinen Darstellern unter die Haut gejubelt, dass die Zerreißproben die Zuschauer einen Abend lang, geballte neunzig Minuten, ständig in Atem hielten. Auch die Herren lieferten dazu ihren Beitrag: Alain Reill, der Vater des Opfers, ein Gemütsmensch durch und durch, er handelt mit "Pötten un Pannen", schlägt sich wacker durch, immer auf Harmonie bedacht, dämpft aufkommende Querelen mit Kaffee, Rum und Zigarren, greift zum Föhn, um die vollgekotzten Alben zu trocknen, bis auch ihm der Kragen platzt, spät erst, dann aber umso heftiger. Wagt tatsächlich doch jemand, an seinem gesellschaftlichen Status zu kratzen, ihn schlichtweg zu ignorieren. So engagiert die Damen und Gerold Ströher als Alain Reill sind, so völlig abgetreten ist Michel Houillé, der Vater schließlich des Täters. So sehr es einen vor ihm grausen muss, so sehr flüchtet man sich geradezu ins hohle Gelächter. Was kümmert ihn die Bredouille, in derer sich als Vater des Täters befindet? Er klettet sich an sein Telefon, um als Anwalt die Weichen in seinem Sinne zu stellen. Ehefrau und Gastgeber verzweifeln fast. Der ach so coole Michel Houillé bricht zusammen, als Ehefrau Véronique das Telefon in der Blumenvase versenkt. "Du hast mein Leben vernichtet.". Das kriegt er gerade noch heraus, dann sackt er zusammen. Sparsamst die Gesten von Arnold Hofheinz, reduziert ganz auf sein Ego, die Ehe ist eine Farce, beide total zerheiratet. Was bringt es, wenn sie am Ende einander in den Armen liegen, erkaltet, erschöpft vom Gerangel um den Erhalt ihrer Fassade?

    Wie heißt das Stück doch noch? Richtig: "Der Gott des Gemetzels". Grandios diese Yasmin Reza: Mit banalstem Smalltalk in Tiefen des Bewusstseins hinabzuloten, in denen wir uns wiederfinden als Macher von Divergenzen, wenn es denn nichts mehr gibt, was uns eingebunden sein lässt in das, was von oben her kommt, um von daher unsere Tiefen zu ordnen. So aber sind wir geradezu dazu verdonnert, unser eigener Gott zu sein. Und dessen Karriere endet im Gemetzel. Kann das "den Ruck" in uns befördern? Immerhin: Betroffen applaudierte das Publikum.

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