1. Die Glasmenagerie bewegt

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    Da betreten sie also die Bühne, Mutter Amanda und Sohn Tom, bläffen sich an, krakehlen, was die Kehlen hergeben wegen nichts und wieder nichts, kaum dass sie das karge Essen herunter kriegen, geschweige denn den Kaffee. Und das Kläffen hört nicht auf. Soll das einen Abend lang so weitergehen? Fast hat es den Anschein. Dann aber, ganz plötzlich, "lockert sich die Dichtung, bricht die Schale", eine verklärte Amanda tänzelt durch den Raum, öffnet die Arme weit, holt herauf die Zeiten, da sie eine umschwärmte "Liebenswerte", eben eine Amanda, gewesen war. Alles das aber ist vorbei, ein für allemal. Eingemottet geradezu in kahlen vier Wänden muss sie nun vegetieren, mit ihrem Sohn, dem Traumtänzer, und Laura, dem scheuen, verschreckten, verängstigten Töchterchen, einem Rest von Mensch.

    Wer hat den Zuschauern dieses düstere Szenarium beschert? Tennessee Williams mit seinem Stück "Die Glasmenagerie", nun vor bald siebzig Jahren. Was soll uns das hier und heute? Keine Botschaft, von mir aus auch Message genannt. Und doch: Was für ein bewegender Abend! Das Volk blieb, keiner verließ den Raum. Von Langeweile keine Spur. Offensichtlich geht es auch ohne Botschaft, auch ganz ohne Amüsement. Was also denn zählte? Die Art der Präsentation.

    Beherrschend fungierte Simone Mende als Mutter. Sie musste alle Register ziehen, um dieses Rumpfgebilde von Familie zusammenzuhalten. Lautstark musste sie auftrumpfen, musste schmeicheln, heucheln, donnern und dröhnen, gurren und schnurren, resignieren und zuschlagen, eben alles tun, um dieses klägliche Häuflein von drei Gestrandeten zusammenzuhalten. Und dann, fast zu nichts zerronnen, Laura, gespielt von der wunderbaren Katharina Wilberg. Man mag sich erinnern: Als Hilde Knef stand sie auf dieser Bühne, für erhebende Momente auch ohne alles. Und jetzt? Ein Bild des Jammers, ausgeblasst, verweint, eingepuppt in die Welt gläserner Tierlein. Wehe, wenn eines zerschellt am Boden, dann zerschellt auch sie. Sittsam umhüllt sie ein zerschlissenes Kleidchen. Wer da nicht vor Mitleid zerfließt, zumal wenn die Mutter wie eine Furie über sie hinwegfegt und ihr den abonnierten Nullbock unter das ach so zarte Näslein reibt. Einzig Tom, das Bruderherz hält zu ihr. Wie aber kann das wirkungsvoll geschehen, wenn er noch nicht einmal zu sich selber halten kann, einfach an sich selbst vorbeilebt, hinein in die Welt der Illusionen in der Annahme, sie seien die reale Welt. Dennis Habermehl, stämmig gebaut, stemmt entsprechend stramme Klopfer, und als auch die zerbröseln, macht er die Mücke - ab aufs nächste Schiff, wie dereinst sein Erzeuger. Ins Bild rückt schließlich Jim, der armen Laura bekannt aus Schülertagen. Tom hat ihn angeschleppt in der Erwartung, vor allem der Mutter, Laura würde nun endlich einmal Feuer fangen. Befremdlich bleibt ihre Zurückhaltung Jim gegenüber, der entsprechend zögerlich von einem Bein auf das andere tritt, zudem auch noch irritiert von Amanda, die sich ihm fast an die Brust schmeißt. Nikolaus Koch, allein dazu bestellt, innerste Regungen zur Anschauung zu bringen, versteht es vorzüglich, Stimme samt Körper in den Dienst dieser Auflage zu stellen, über alle Maßen in dem Moment, da er nach einer endlich innigsten Umarmung mit Laura damit herausrückt, dass er bereits vergeben ist. Arme Laura - armer Jim. Dunkel wurde es im Saal, einige Momente lang; das tat gut. Manche mochten in der Darstellung wohl sich selbst gespiegelt sehen. Keineswegs aber verschlug dies ihnen den Beifall, groß und üppig. Ja, es war ein wundersamer, ein grandioser Abend.Text: Oskar Wedel

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