BAD NENNDORF (em). Beginnen wir mit Christoph Martin Wieland, einem beschwingten, dem Rokoko zugewandten Erzähler, als Zeitgenosse von Goethe und Schiller in Weimar wirkend, zuweilen auch auf seinem Landsitz in Ossmannstadt, wo dies geschah: Hier weilte für eine geraume Zeit Heinrich von Kleist, damals 24 Jahre alt und von dem 70-jährigen Wieland als wahrhaftiger "Genius" angesehen.
Und was geschah dort? Kleist begegnete Wielands Tochter Luise, nein: Luise begegnete Kleist, sie elf Jahre jünger, eine Dreizehnjährige, das Nesthäkchen der Familie und unsterblich in den sanften, liebenswürdigen jungen Mann verliebt. Kleist begriff zwar, was geschehen war, blieb standhaft und reiste wieder ab. So spielt eben das Leben, aber wohlgemerkt das Leben, nicht die Dichtung: Luise verwandelt sich fünf Jahre später in das Käthchen, zwar nicht mehr dreizehnjährig, sondern schon mal 15 Jahre alt, ist sie wie vom Banne getroffen "einem Hunde gleich durch Feuer und Wasser" sich an die Fersen des Grafen Wetter vom Strahl heftend. Wo Dichtung waltet, kann geschehen, was dem gelebten Leben vorenthalten bleibt: Die beiden finden zueinander und bleiben beieinander auf äußerst windungsreichen Wegen, so verschlungen, wie das nur in der Gattung eines Märchens dargestellt werden kann.
Dieses Märchen sollte nun auf der Bühne vorgeführt werden und zwar von zwei Darstellern, von Susanne Hocke und Jürgen Larysch vom Artensemble Bochum. Konnte das umgesetzt werden? Schwerlich, denn verwirrend sind die Handlungsstränge, um sie von zwei Darstellern auf die Reihe bringen zu können, zu abgehoben, zu dicht Kleists Sprache, mit der der Inhalt vermittelt werden sollte, auch jenen, die ihn noch gar nicht kannten. Und doch: Welcher Beifall! Was also kam beim Publikum an? Die vehemente Spielfreude der beiden Darsteller, ihre beachtliche Wandlungsfähigkeit, befördert durch Masken, die jene Figuren porträtieren, die das Spiel so vielschichtig sein lassen.
Obwohl gewiss nicht immer alles genau zu verstehen, wies die extensive Körpersprache doch die Richtung. Hinzu kamen wirkungsvolle Lichteffekte, und so gelang auch optisch ein besserer Einblick in den Gang der Handlung. Trotzdem unvorstellbar die Fülle der Texte, die in enggefühten Dialogen und ausladenden Monologen über zwei Stunden das Publikum umlagerten.
Das konnte nicht ohne Wirkung bleiben. Respekt also vor allem vor der Entschlossenheit zweier Idealisten, überholte Wortfügungen so zu bringen, als wären sie heute entstanden, will sagen: Nichts wirkte aufgesetzt, nichts überzogen, grundehrlich also dieses Spiel, und das zog: Dankbar verließ man das Theater.