1. Dunkle Geschichte lebendig vermitteln

    Lehrer erfahren vom Leben jüdischer Zeitzeugen / Erinnerungen in die heutige Zeit retten

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    BAD NENNDORF (jo). Als "Rosinen meines Lebens" bezeichnet der 90-jährige jüdische Herbert Lewin gern die "Guten Zeiten seines Lebens". Die schönen Momente und ruhigen Stunden im Kreise der Familie und die Zusammenkünfte an den Theken, an denen "Deutschnationalisten und Kommunisten" in trauter Gemeinsamkeit ihr Feierabendbier zu sich nehmen. Doch beim Frieden blieb es nicht und so musste der alte Mann im Laufe seines Lebens auch mit denkbar schweren Erfahrungen zurechtkommen: In Osterode, Ospreußen, geboren reiste Lewin als vom aufkommenden Antisemitismus verfolgter, junger Mann über Golencic nach Jugoslawien und im Jahre 1939 illegal nach Palästina ein. Seinen Halt fand er Jahre später in seiner große Liebe Trude, einer Wienerin.

    Wien, das ist auch der Hauptsitz von Centropa (Central Europe Center for Research and Documentation), einer Institution, bestehend aus renommierten Historikern, Filmemachern, Journalisten und Pädagogen. Die Mitglieder des "Oral History"-Projekts haben es sich zur Aufgabe gemacht, jüdische Geschichte anhand von Familienfotos und den sie begleitenden Lebensgeschichten jüdischer Menschen zu dokumentieren. In einer Datenbank bereit gestellt, werden diese Informationen vor allem von Lehrern genutzt, um ihren Schülern im Unterricht die jüdische Geschichte Mittel- und Osteuropas auf eine lebendige Art und Weise näher zu bringen.

    Diese Option möchten künftig auch rund 20 Geschichtslehrer aus Stadthagen, Rinteln, Bückeburg und Bad Nenndorf nutzen. Um sich umfassend über die innovative Lehrmethode zu informieren, fanden sich die Workshopteilnehmer am vergangenen Dienstagnachmittag im Bad Nenndorfer Gymnasium zusammen und folgten gespannt dem Vortrag des Centropa-Referenten und Leiter des Bildungsprogramms CentropaStudent.org Fabian Brühle. "Man spricht oft über die jüdische Geschichte in Deutschland und Polen, seltener aber über geschichtlich ebenso relevante Orte wie beispielsweise Belgrad oder Sarajewo", stellte der gebürtige Berliner und Wahlwiener Brühle fest. Nicht zuletzt diese Entwicklung gedenken die Organisationsmitglieder mit Büros in New York, St. Petersburg und Budapest zu ändern: "Wir bringen zwar keine Zeitzeugen in die Schulen, dafür aber die ausführlichen Gespräche, die wir mit eben diesen Menschen geführt haben." Und das sind wahrlich eine Menge: Zwischen den Jahren 2000 und 2010 sammelte die Beteiligten rund 1 200 Interviews und bereiteten diese mit viel Sinn fürs Detail digital zu kurzen Filmen auf. So wurden die originalen Familienfotografien der Befragten für die Kurzfilme teilweise animiert und mit Geräuschen, wie beispielsweise dem Klang einer knarrenden Haustür oder einer rostigen Fahrradklingel akustisch unterlegt. Zeitgleich erzählt ein professioneller Sprecher die Lebensgeschichten der Juden Herbert Lewin, Alice Granierer oder Leon Anzhel. "Es ist uns wichtig, dass wir uns nicht ausschließlich auf die Zeit des Holocaust konzentrieren. Wir möchten die gesamte Bandbreite des jüdischen Lebens im Zwanzigsten Jahrhundert dokumentieren." Und dabei kamen die Macher der Zeitzeugeninterviews weit herum: Sie sprachen mit Menschen in rund 16 Ländern, darunter auch in der Türkei, Russland, Moldawien und Ungarn. Mit Erfolg: Die interviewten Zeitzeugen berichten auf eine authentische, unverfremdete Art und Weise über ihr Leben, erzählen jedoch auch von dem Leben ihrer Eltern, Tanten, Neffen und Großeltern. In digitaler Feinarbeit wurden so detaillierte Stammbäume lebendiger und längst verstorbener Menschen mit einer bewegten Geschichte erstellt und die Vergangenheit mit all ihren schönen und schwer zu ertragenden Facetten ein Stück weit in die heutige Zeit transportiert. Ziel des Projektes ist es, die von der Wissenschaft oftmals unbeachtet gelassenen, Erinnerungen der jüdischen Zeitzeugen zu bewahren und ihnen einen würdigen Platz in der Gegenwart und in der Zukunft einzurichten. Die aufwändig ausgearbeiteten Materialien und insgesamt rund 20 000 Familienfotografien stehen den Lehrern als kostenlos abrufbare Lehrunterlagen auf der Webseite der Organisation zur Ergänzung ihrer bisherigen Unterrichtsmethoden zur Verfügung. Brühle freute sich über die rege Teilnahme an dem Workshop im Gymnasium: "Die zentrale Auseinandersetzung mit diesem Thema ist vor allem wichtig, da viele der Vertriebenen noch immer eine tiefe Heimatlosigkeit fühlen."Foto: jo

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