BAD NENNDORF (em). "Über das seinerzeit (1906) sensationelle Stück werden sich selbst Vierzehnjährige kaum noch aufregen; sie haben derartige Aufklärungsprobleme nicht mehr." So schreibt der Theaterkritiker Georg Hensel in seinem Schauspielführer "Spielplan" vor mehr als 30 Jahren. Recht hat er! Eine Vielzahl von Schülern des Gymnasiums Bad Nenndorf bestätigten diese Einschätzung. Winfried Busse war es gelungen, gut 200 Gymnasiasten ins Theater zu bewegen, Und es geschah das Wundersame: Alle blieben, alle blieben ruhig, blieben aufmerksam, zuweilen gar betroffen, zuweilen auf Distanz. Ihr Beifall war Ausdruck hoher Anerkennung.
Am Vorabend der Schüleraufführung waren Abonnenten und andere Besucher eben zu diesem Wedekind von gestern geladen. Weh dem, der das Stück zuvor gelesen hatte! Kann dieses als "Kindertragödie" ausgewiesen Machwerk bei Älteren und Alten heute noch wirklich "ankommen"? Skepsis war auf der ganzen Linie angesagt. Und dann: nicht nur "Frühlings Erwachen", auch ein Erwachen der Zuschauer brach auf. Zuspruch und Anerkennung schon in der Pause. Wem ist dieser gelungene Wurf zu verdanken? Wieder einmal den Frauen, zweien an der Zahl, der Regisseurin Martina Bode von der Landesbühne in Eisleben, sowie der Dramaturgin Ann-Kathrin Hanss. Wo nach Wedekind die Handlung auch immer anzusiedeln sei, im familiären Wohnzimmer, im Studierzimmer oder im Konferenzzimmer der Lehrer, nach der Fassung von Martina Bode spielt sich alles in einer Turnhalle ab, unter großem Aufwand der Nenndorfer Bühne eingepasst. Barren, Matten, Langpferd, Klettergerüste. Das verpflichtet die Schauspieler zur Aktion. Die allein schon war so augenfällig, dass gedehnte Textpassagen, in Monologen vorgetragen, durchaus als Kurzweil zur Kenntnis genommen wurden. Die bemerkenswerte Mobilität der drei Darstellerinnen und der vier Darsteller sorgte dafür, das arrivierte Mittzwanziger glatt als jene durchgingen, die Wedekind auf der Bühne sehen wollte, als 15-jährige.
Allen voran Wendla Bergmann, so grazil, fast fragil, hauchdünnem Porzellan ähnlich, versonnen, mit zarter Stimme, dann aber auch überschwappend und im eigenen Lachen nahezu erstickend, wohl merkend, dass etwas mit ihr nicht stimmt: schwanger etwa oder ist es nur Einbildung oder die Bleichsucht, an der sie leidvoll ableben soll? Wunderbar diese Sarah Rebecca! Muss denn gleich ein Kind gezeugt werden, wenn Melchior Gabor mit Wendla sich nur ein wenig im Abseits umtut. Toll auch dieser Andreas Klopp. Er kann es sich leisten, sein schönen Körper blank aufspielen zu lassen. Das einzige, was ihn wirklich bedeckt, ist die Wollmütze. Ungedeckt und ungeschütz aber bricht er auf, was ihn umstellt. Entsprechend wird er ausgemustert. Ab mit ihm in die Erziehungsanstalt! Selbstverständlich entzieht er sich diesem Schicksal. Jugendlicher hätte niemand den Melchior ins Bild setzen können als eben dieser Andreas Klopp.
Bemerkenswert auch Markus Axhatz, der dem verzagten Moritz Stiefel seinen Stempel aufdrückt. Auch er muss verenden: Selbstmord. Gewiss, auch heute nehmen sich junge Leute das Leben, aber etwa deswegen, weil sie von Pubertätsschwermut überwältigt werden? Ein starker Markus Achatz in der Präsentation seiner Schwäche. Erfrischend: Ilse, allen anderen ein Stück voraus; die kommt schon mal drei Abemde lang nicht nach Hause, mischt die ganze Schose so richtig auf, agil bis ins Mark: Yvonne Döring.
Applaus, Applaus! Die Leute aus der Lutherstadt Eisleben lieferten ein furioses Finale der Theatersaison 2010/2011.
Oskar WedelFoto: privat