1. Wenn das "elektrische Chaos" ausbricht, bleibt maximal noch eine einzige Stunde

    Dr. Thorsten Figura referiert über das Phänomen des plötzlichen Herztodes / 70 Teilnehmer beweisen der Union großes Interesse

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    RINTELN (km). Als voller Erfolg entpuppte sich die erste informative Verstaltung der Senioren-Union im neuen Jahr. Im Hotel "Stadt Kassel" konnte Vorsitzender Dieter Edler dabei über 70 Teilnehmer begrüßen - doppelt so viele, wie die Union Mitlieder hat. Im Mittelpunkt des Interesses stand das Thema "plötzlicher Herztod", das von dem Rintelner Kardiologen Dr. Thorsten Figura ausführlich und anschaulich beleuchtet wurde.

    Rekordbesuch bei der Senioren-Union: Über 70 Teilnehmer haben den Saal schnell bis auf den letzten Platz besetzt.

    Vorsitzender Dieter Edler (li.) bedankt sich am Ende mit einem kleinen Geschenk bei Dr. Thorsten Figura.

    In der frühen Antike, eröffnete Figura seine Ausführungen aus Sicht der Medizingeschichte, seien die Ansichten zur Ursache des plötzlichen Herztodes "spekulativ und vage" gewesen und eher als religiöse, theologische Betrachtungen anzusehen. Erst in der klassischen griechischen Antike, im Rahmen der wissenschaftlichen Argumentation und unter Nutzung anatomischer Kenntnisse, seien naturwissenschaftliche Erklärungsansätze gesucht worden.

    Die Medizin des Mittelalters basierte im Wesentlichen auf den Erkenntnissen der Antike, so dass sich letzlich doch erst zur Zeit der Renaissance - mit Entwicklung der modernen Anatomie und Herausbildung einer naturwissenschaftlich geschulten Generation von Ärzten - die heutige moderne Medizin habe entwickeln können. -

    Im angloamerikanischen Sprachraum ist heute die Bezeichnung "sudden cardiac death" (SCD) für den plötzlichen Herztod gebräuchlich. "Erste Symptome," beschrieb Dr. Thorsten Figura den dramatischen Krankheitsverlauf, "werden meist erst eine Stunde vor Todeseintritt deutlich." Bei 80 Prozent der Patienten liege ein so genanntes Kammerflimmern vor: Ein "elektrisches Chaos", das eine geregelte und ausreichende Herzleistung nicht mehr zulässt.

    Der plötzliche Herztod sei eine der häufigsten Todesursachen der westlichen Welt: In Deutschland zirka 100.000 Todesfälle pro Jahr, in der Schweiz 10.000, in den USA 450.000. Die Überlebenschance, so der Kardiologe, sinke mit jeder Minute nach Eintritt des Herzstillstandes um sieben bis zehn Prozent. Bereits ab drei bis fünf Minuten nach Eintritt des Herzstillstandes seien irreversible Hirnschäden zu erwarten. Gefährdet seien speziell Menschen mit Herzmuskel-Erkrankungen, Herzmuskel-Entzündungen, Erkrankungen der Herzkranzgefäße (KHK), Herzklappenfehler und angeborenen Herzrhythmus-Störungen. Figuras statistisches Resümé: "In Deutschland überleben nur drei bis acht Prozent der Betroffenen die Symptome."

    Zu den nicht veränderlichen Risikofaktoren gehöre das Alter, das männliche Geschlecht und erbliche Belastungen, zu den veränderlichen Rauchen, Bluthochdruck, erhöhter Cholesterinspiegel, Diabetes und Übergewicht. Eine Gruppe von besonders Betroffenen, so Dr. Thorsten Figura, seien die Sportler. Die hätte ein etwa 2,8-fach erhöhtes Risiko im Vergleich zur Normalbevölkerung. Die Ursache liege zumeist in einer abnormen Verdickung der Herzmuskelwände. Nicht zuletzt seit dem plötzlichen Herztod des 28-jährigen Bundesliga-Profis Axel Jüppner, gelte für Spitzen-Fußballer die Verpflichtung zur Durchführung einer jährlichen fachärztlichen Untersuchung. -

    Kritisch äußerte sich Dr. Thorsten Figura schließlich über "die Versorgungsrealität in unserem Land", die eine "gewisse Verdrängung der Problematik" zeige. Volksläufe, Vereinssport und Sport im Fitness-Studio könnten ohne ärztliches Attest stattfinden - und da liege gegebenenfalls auch eine weitere Erklärung der gehäuften Todesfälle beim Sport: In der "Ignoranz der Sporttreibenden, aber auch der Veranstalter". In einer Umfrage für den London-Marathon 2004 etwa seien 4000 Läufer befragt worden. 98 Prozent davon hätten weder Kenntnis ihres kardiovaskulären Risikoprofils, noch Informationen über Blutdruck, Blutzucker- oder Cholesterinwerten gehabt. Dabei seien gerade solche sportlichen Höchstbelastungen in außerordentlichem Maße gefährlich für kardiale Ereignisse. Als Beispiel nannte Figura den "Great-North-Run", einen populären Halbmarathon, bei dem es vor sechs Jahren gleich zu fünf plötzlichen Todesfällen gekommen sei.

    Neben Prophylaxe-Möglichkeiten nannte der Kardiologe schließlich auch Maßnahmen, die im Fall eines Falles angezeigt sind. Die sofortige Aufnahme einer Herz-Lungen-Wiederbelebung sollte jeder beherrschen. Gegebenenfalls sollten regelmäßige Auffrischkurse bei den allgemein bekannten Hilfsorganisationen wahrgenommen werden. -

    Nach Abschluss des Vortrages beantwortete der Experte gut eine Stunde lang noch diverse Fragen der Zuhörerschaft - nicht nur über den plötzlichen Herztod, sondern auch über verschiedene andere Themen der Medizin. Foto: km

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