1. Beim Hochwasser zählt jeder Zentimeter

    Kritik an Wasser- und Schifffahrtsamt: "Hochwasserschutzräume sind nicht erweitert worden!"

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    RINTELN/HANN.MÜNDEN (ste). Für die Bewirtschaftung der Eder- und Diemeltalsperren ist das Wasser- und Schifffahrtsamt Hann. Münden zuständig. Die Verantwortung trägt hier Katrin Urbitsch als Amtsleiterin und an sie richtete sich die Kritik von Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz. Der hatte bereits am 22. Dezember in einem Schreiben an das Amt darum gebeten, die Hochwasserschutzräume der Talsperren zu erweitern, damit größere Puffermöglichkeiten für die anstehende Schneeschmelze vorhanden sind. Konkret heißt das, dass bis zum Einsetzen der Schneeschmelze mehr Wasser aus der Talsperre abgelassen wird, um mehr Platz für Schmelzwasser zu bekommen. Angeregt hatte dies Dieter Horn, Ortsbürgermeister von Enger-Ahe-Kohlenstädt. Ortsteile von Rinteln, die erfahrungsgemäß am stärksten beeinträchtigt sind von Hochwasserlagen.

    Frau Urbitsch hatte dem Bürgermeister darauf geantwortet, dass man die Hochwasserschutzräume deutlich erweitert habe, so dass mehr Kapazitäten für Schmelzwasser vorhanden sei. Ein aus damaliger Sicht zufriedenstellendes Ergebnis für den Bürgermeister und die Stadt, denn über die Talsperren lassen sich gewaltige Wassermengen steuern. So viel, dass die Talsperren im Frühjahr und Sommer die Schiffbarkeit der Weser garantieren können. Des einen Aufgabe und Freud ist aber auch des anderen Leid. Wer Schiffbarkeit garantieren kann und muss, der braucht volle Talsperren. Auf telefonische Nachfrage erklärte Katrin Urbitsch das Prinzip. Am 1. Mai eines jeden Jahres müssen die Talsperren quasi randvoll sein, damit man das Jahr über seinem Auftrag nachkommen kann. Lässt man also zu viel Wasser aus Hochwasserschutzgründen im Vorfeld aus den Talsperren, kann man das Jahr über Schwierigkeiten mit seinem gesetzlichen Auftrag bekommen.

    Die "deutliche Ausweitung" des Hochwasserschutzraums fand somit faktisch nicht statt. Wasser wurde lediglich soviel abgelassen, dass die "normalen" Hochwasserschutzräume vorhanden waren. Am 29. Dezember wurden jede Sekunde 17 Kubikmeter Wasser aus der Edertalsperre flussabwärts geschickt; da war an Tauwetter noch nicht zu denken. Ein normaler Wert, mindestens gefordert sind 6 Kubikmeter je Sekunde. Dann jedoch setzte das starke Tauwetter ein und derzeit fließen 42 Kubikmeter pro Sekunde aus der Talsperre und es ist geplant, die Abgabemenge in diesen Tagen auf 100 Kubikmeter zu erhöhen. Das verwunderte und ärgerte nicht nur den Rintelner Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz, sondern auch Dieter Horn: "Warum hat man auf unsere frühen Warnungen nicht reagiert", fragt sich Horn. Katrin Urbitsch hat darauf eine Antwort. Ob die jedoch die Hochwassergeschädigten befriedigt, muss jeder für sich entscheiden. So hatte die Talsperre mit 242 Kubikmeter je Sekunde einen besonders starken Zulauf bei der starken Schneeschmelze: "Hätten wir das alles abgegeben, wären in Rinteln rund 40 Zentimeter mehr an Hochwasser angekommen", rechnet Katrin Urbitsch vor und verbucht für sich, dass stattdessen nur 42 Kubikmeter abgegeben wurden, umgerechnet also knapp 8 cm mehr an Hochwasser. Und sie rechnet weiter. Die Edertalsperre fasst insgesamt 200 Millionen Kubikmeter Wasser. 90 Mio. Kubikmeter waren durch Messungen an Schneeschmelze vorausgesagt und im Bewirtschaftungsplan habe man sich in Abstimmung mit den Anrainern und dem Land Hessen auf Hochwasserschutzräume und Ablassmengen verständigt, die eingehalten werden mussten. Dafür geben es Bewirtschaftungspläne. Ziel sei es in Fragen des Hochwasserschutzes, dass man die Höhen der Flutwellen möglichst gering halte. Dafür halte man die Welle künstlich länger hoch, damit das Wasser ablaufen könne. Das man die Talsperren quasi in Erwartung von Schneeschmelze bis auf das Minimum leer laufen lasse, um dann die geforderten Puffermengen zu haben, sei im Bewirtschaftungsplan so nicht vorgesehen. Keinesfalls könne man den Ablauf der Talsperren so lange auf Minimum laufen lassen, bis sie überlaufen: "Dann kommt das gesamte Schmelzwasser auf einmal auf die Städte an der Weser zu!"

    Wenn die Talsperren in den nächsten Tagen bis zu 100 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch die Turbinen jagen, dann sind in den Weserstädten die Pegelstände schon wieder abgesunken. Kommt neuer Regen, oder schmelzen die Schneemassen auch in den Mittelgebirgen schnell ab, werde die abgegebenen Wassermenge nach den Möglichkeiten der Talsperren reguliert.

    Dieter Horn fühlt sich durch die Argumente von Frau Urbitsch "verschaukelt": "Ich vermute, dass der Tourismus an der Talsperre einen so hohen Stellenwert hat, dass man die Sperre nicht bis auf Minimum auflaufen lassen will!" Das sehe einfach nicht gut aus, wenn die Touristen den Schlamm auf dem Grund sehen. Und auch Horn kann rechnen. Rund 18 Millionen Kubikmeter Wasser fließen bei starker Schmelze täglich in die Edertalsperre. Bei 200 Millionen Kubikmeter Speicherkapazität könnte man gut zehn Tage Schneeschmelze ohne Ablass von Wasser verkraften und somit die Hochwassersituation an der Weser nachhaltig und positiv beeinflussen. Frau Urbitsch wird noch einige Fragen der Weseranrainer beantworten müssen, denn Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz schickte seinen Fragenkatalog auch an die anderen Weserstädte und Landkreise.Foto: ste

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