BAD NENNDORF. Gebt dem Shaw wieder eine Chance! Die Spielerinnen und Spieler vom "Münchner Sommertheater" taten es. Sie fuhren auf, was das Zeug hielt, blinkten und blitzten mit einem erneut ins Deutsche übertragenen Text von Ulrike Dissmann, die auch Regie führte. Shaw, im Spagat vom gewaltlosen Weltverbesserer hier und einem amüsierbesessenen Publikum dort, dem es zu huldigen gilt, fand erst in der Mitte seines Lebens – er wurde 94 – die Lösung: Belehren durch Amüsement, Kunst um der Kunst willen kam nicht in Frage, sehr wohl aber diese in den Dienst zu stellen seines zentralen Anliegens, dass "irgendwann die Menschen die Waffen aus der Hand legen und darauf vertrauen, dass dieser Krieg der letzte war."
Zu diesem Zweck musste der Bluntschli herhalten, wohl Hauptmann aus der Schweiz, im Dienst der Serben, im Kampf mit den Bulgaren befindlich. Aber er verwechselt die Munition in der Patronentasche mit Schokolade, mit der er zumindest keinen umbringen kann.
Und da steht er nun, im ramponierten Soldatenlook, verdrecktem Gesicht, mehr lallend als deklamierend, lieber tot sein wollend als entschlossen gegen die Serben aufbegehrend. Ist doch Krieg doch nichts als Lug und Trug. Und wenn die Sprache sich mehr und mehr ausdünnt, greift er in die Tasten und fängt an zu singen von den Soldaten, die von Ruhm und Ehre träumen; und wenn dann die Welt endgültig in Trümmern liegt, träumen sie nur noch von den Vögeln, die morgens singen, von den Frauen und den Blumen in ihrem Haar. Nicht nur Blutschli (Ramon Bessel) singt: Die Regisseurin Ulrike Dissmann hat für jeden Spieler einen Text geschrieben und ihn zu einem Lied gestaltet, so auch für den Star des Abends, für Raina, die Süße, einem veritablen Herzliebchen, von Isabella Schreiber zu einem quirligen, sprudelndem Leben erweckt.
Anfangs noch völlig verbiestert in ihrem Hang zum sporenklirrenden stolzen Husarenmajor, den sie als den stolzen Helden besingt, dann aber umknickt und keinem Ideal mehr folgt, sondern einem Menschen, der nur noch ein Mann sein soll, ein Mann. Es war einfach wunderbar zu schauen, wie Raina diesen Wandel vollzieht, vom Schwärmen für die höhere Liebe, von der Anbetung eines Herren bis hin zum Menschen ihrer Wahl. Sinneswandel, im tiefsten Inneren gründend, zeichnet sich sichtbar ab im schwankenden Agieren und Jonglieren zwischen dem eben noch hochgelobten "Helden" und dem Hauptmann aus der Schweiz, eben Bluntschli, dem Inhaber des höchsten aller Ränge: "ein freier Bürger" zu sein. So werden die beiden am Ende auch ein Paar.
Und der Major Sergius Saranoff (Kasimir Dall`Armi)? Er hatte sich ohnehin schon verguckt in das Stubenmädchen Luka, (Carolin Schubert) die zwar alles tat, um sich nicht dominieren zu lassen, sich dann aber doch vom Major vereinnahmen ließ. Auch dieses Paar brillierte dank der Sentenzen von Shaw, überzeugend in ihrer Mimik, wohlklingend in ihren Stimmen, wenn sie sangen, sie "vom Mann, der zu mir steht und der mit mir durch jedes Feuer geht", er am Ende im Verein mit dem Rest der Belegschaft das "Lied von der Hoffnung": "Wenn aus unsern Feinden Freunde werden, laden wir den Frieden zu uns ein und die Hoffnung, es könnt hier auf Erden irgendwann für alle Frieden sein." Unübertroffen auch Julia Rank, die als Mutter von Raina mit der Präsentation des Liedes "Wenn aus einem Hühnchen eines Tages junge Hennen werden ...ojojoi, ich kann dir sagen, das gibt ein Problem" bravourös aufwartete. Den Hohlkopf und Aufschneider lieferte Sebastian Korp als bulgarischer Major; windungsreich und schleimig schließlich Nicola (Schristoph Hirschauer) als Diener: "Man muss wissen, wo man steht". Mit dem Lied "Von der Hoffnung" verabschiedete sich eine Truppe junger Schauspieler, deren unbändige Lust am Spiel die Zuschauer vollends in ihren Bann schlug. Applaus riesig.Oskar Wedel
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