RINTELN (ste). Moritz Becker ist selbst Vater von zwei Töchtern und kennt die Sorgen und Probleme, die Eltern von Kindern haben, die intensiv das Internet und seine Möglichkeiten nutzen. Vor einem großen Publikum im Gymnasium Ernestinum hatte er ein Rezept, das nicht auf technischen Sperrmöglichkeiten basierte, sondern auf Vertrauen und Bedürfnisbefriedigung im realen Leben: "Kinder, die Anerkennung und Aufmerksamkeit im richtigen Leben erfahren, sich ausprobieren dürfen, selbst Erfahrungen machen und eine vernünftige Orientierung aus dem Elternhaus erfahren, suchen dies nicht in der virtuellen Welt des Internets!" Eingeladen war Becker vom Schulelternrat und dessen Vorsitzender Elka Adam, die in Zusammenarbeit mit dem Leiter des Polizeikommissariat Rinteln, EKHK Wilfried Korte, auf Becker und sein "smiley e.V." gestoßen war.
Korte machte einleitend klar, dass die Polizei immer mehr mit Internetkriminalität zu tun bekomme. Und darunter sind nicht nur die mittlerweile schon klassischen Betrügereien, sondern vermehrt auch Fälle von Mobbing mit schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen auf den verschiedenen Plattformen wie Schüler-VZ, Mein-VZ, ICQ und anderen Kommunikationssystemen: "Alles, was wir im Vorfeld durch eine gute Präventionsarbeit verhindern können, brauchen wir im Anschluss nicht mühevoll aufzukären", so Korte, der auch Adolf Deterding von der Polizeiinspektion Nienburg-Schaumburg begrüßte. Deterding ist dort zuständig für Präventionsarbeit.
Beckers Vortrag nahm sich dem Thema Internet auf eine besonders unterhaltsame Art und Weise an. Wer heute noch meine, seine Kinder brauchten kein Internet, keine Kommunikationsplattformen, der könne auch gleich sagen: "Ich will keinen Briefkasten mehr an meinem Haus!" Oft laufen soziale Kontakte, Verabredungen und Gespräche eben nicht mehr über Telefon oder per Post, sondern über ICQ oder andere Systeme: "Wer da nicht mithalten kann, ist schnell ein Außenseiter!" Und so sei das Internet vor allem eine Chance, ohne dabei die Gefahren zu verkennen. Während für die Erwachsenen das Netz eher ein Werkzeug für ihre Arbeit sei, sehen Kinder und Jugendliche es als ein Spielzeug an. Sie lernen weitaus schneller die Möglichkeiten des Internet und Eltern sind damit oft überfordert und installieren technische Sperrsysteme, die sich am Ende als quasi wirkungslos entpuppen: "Der Filter für das Netz muss im Kopf der Kinder entstehen und nicht an die Hardware des Computers gekoppelt sein", so Becker, der technische Filter lediglich zur Verhinderung von "Unfällen" als gut empfindet: "Stellen Sie sich vor sie heißen Nadine und googlen ihren Namen und kommen auf www.nadine.de. Dort finden sie die Seite einer Prostituierten, ohne direkt danach gesucht zu haben!"
Und so entstehen Straftaten im Netz häufig aus einer Unbekümmertheit der Kinder heraus und können weitreichende Folgen haben: "Wenn ein Mädchen ein Foto von sich beim Probieren neuer Unterwäsche macht und ihrem Freund schickt, stellt der das ins Netz, um mit seiner neuer Freundin zu prahlen!" Daraus könne sich aber schnell ein schlimmer Selbstläufer entwickeln und das Mädchen werde als "Schlampe" abgestempelt. Und so muss den Nutzern des Internet klar gemacht werden, dass sie mit der Weitergabe persönlicher Daten und Bilder vorsichtig sein müssen: "Ein Fünftklässler sagte mir auf einer Veranstaltung völlig erstaunt, dass er bei Schüler-VZ festgestellt habe: Da sind sogar Pädophile und auch Lehrer mit dabei!" Die angestrebte "Privatheit" unter Gleichaltrigen sei für den Schüler empfindlich gestört. Neben der Frage, was man ins Netz stellt, sollte man sich auch die Frage stellen: "Was mache ich, wenn etwas dort steht, was mich verunglimpft?" Becker riet: "Löschversuche sind nicht immer erfolgreich, doch ein Versuch ist es wert!"
Während noch vor 25 Jahren die Menschen gegen die Volkszählung auf die Straße gingen und vergleichsweise unbedeutende Daten nicht von sich preisgeben wollten, stellt man heute relativ sorglos alles ins Netz zur freien Verfügung: "Und auch Systeme wie Payback-Karten sammeln jede Menge Infos über Einkaufsverhalten einer Person und deren Lebensgewohnheiten", wusste Becker zu berichten. So lautete seine Botschaft: "Überlegen Sie sich genau, welche Daten sie über sich veröffentlichen und was ihnen ihre Daten Wert sind!" Die einzige Chance, Kinder vor Gefahren im Netz zu bewahren, ist ein Vertrauensverhältnis zum eigenen Nachwuchs: "Lassen Sie sich von ihren Kinder mit ins Netz nehmen und schenken Sie ihnen Vertrauen. Klären Sie ihre Kinder auf über die Gefahren und vertrauen Sie darauf, dass sie sich dieser Gefahren bewusst sind und sie zu vermeiden suchen!"
Bei der anschließenden Diskussion ging es den Schülerinnen und Schülern vorwiegend um das im Gymnasium geltende Handyverbot: "Damit soll verhindert werden", so Elke Adam, "das Unterrichtsstunden durch Handytöne gestört werden!" Außerdem gab es schon Vorfälle, dass mit Handys Fotos aus dem Unterricht gemacht wurden und diese im Netz auftauchten.Foto: ste