1. "Ich bin einfach da”

    Ein Stück über das Altern im Kurtheater begeistert

    Dieser Eintrag wird bereitgestellt durch Schaumburger Wochenblatt | Impressum

    LANDKREIS. "Für alle das Beste”, so heißt das Stück von Lutz Hübner. Von der ersten Minute an begreift man: Keine Spur von dem, was dem Andern zum Besten dienen könnte. Blanke Ironie also steckt in dem Titel. Was heißt Ironie? Verstellung, Ausflucht, Vorwand, Ausreden. Genau das wird zwei Stunden lang demonstriert. Keiner will oder kann auch nur einräumen, dass er für den anderen da sein sollte. Folie für diese Grundhaltung einer Vielzahl von Menschen heutzutage liefert in diesem Stück eine alternde, ja fast schon alte Frau, für die die Kinder die nötige Zuwendung nicht aufzubringen vermögen. Augenscheinlich aus ersichtlichen Gründen: Sie sind fest eingebunden, der Sohn Klaus in die Bandagen freier journalistischer Tätigkeit, die Tochter Carola in die Obliegenheiten einer Personalmanagerin.

    Es fehlt die Herzenswärme. Dieses Defizit muss überspielt, muss durch Verstellung überlagert werden. Und damit ist der Familienstreit programmiert.

    Oskar Wedel

    Anhaltenden Applaus bekommen die Darsteller im Stück "Für alle das Beste".

    Carola, verbittert, gereizt, ausgenutzt, vernachlässigt von der Mutter, voller Vorhaltung gegenüber dem Bruder, hat alle Not, noch einen Rest an Teilnahme am Ergehen der Mutter zu bekunden. Bettina Soergel präsentiert eine vehemente Carola. Kaum bricht sie aus in Rage über das Bruderherz oder über die Ungehaltenheit der Mutter, schreckt sie zurück vor ihrer eignen Gefühlskälte, will alles wieder gutmachen, schleimt sich ran, und der Eiertanz geht weiter. Grandios serviert sie punktgenau die ganze Breite menschlicher Regungen. Man vergisst förmlich, dass hier gespielt wird. Bettina Soergel ist Carola. Sie geht unter die Haut. Nicht minder Gotthard Hauschild, Mutters Liebling. Ein Satz von ihm verrät. Warum alles so kommen muss: "Ich bin einfach da.” Klaus, auch liebevoll von der Mutter Klausi genannt, ist ein Luftikus, er liebt das Tandaradei, einschließlich Quicky, bringt alles beherzt überschwappend bis überschnappend. Mimt auch den Emphatischen, wenn er eine Minute erübrigen kann, die Mutter liebevoll zu umarmen. Großartig auch er in allem, dieser Gotthard Hauschild. Und sie, Marlies Stinner, die Mutter?

    Auf der Schwelle zur Demenz verschwebend in Sehnsucht nach etwas Herzenswärme, zumeist aber heftigst aufbegehrend, misstrauisch, abgehängt, ausgelaufen. Eine ergreifende Studie, die Monika Groll liefert.

    Auch hier die Frage: Wo blieb das Spiel? Kein Spiel, Leben pur, von unten auf die Bretter gehoben. Wer sich in dem Bereich auskennt, konnte nur so reagieren, dies dank eines Autors, der wohl präzise weiß, wovon er spricht und schreibt. Entsprechend wirkungsvoll wusste Jörg Gade als Regisseur das Geschriebene in die dritte Dimension zu erheben.

    Schließlich die Krönung: die Putzfrau Alexa aus Gdansk. Ganz Seele, ganz Empfindung, ganz Zuwendung, ganz Hüterin. Wunderbar diese Heidrun Reinhardt, überwältigend in ihrer Verhaltenheit, rührend in ihrer Rührigkeit, ohne rührselig zu sein. Da durfte durchaus schon mal das Taschentuch herhalten.

    Zur Auflockerung des zur Schau gebrachten Innenlebens der Akteure trugen bei Ulrike Dellapozza, die fidele gehabte Gespielin von Klaus, und Martin Konrad Becker, der sowohl den pflichtbewussten als auch zu Mätzchen aufgelegten Arzt vorstellte. Ergriffenheit auf der ganzen Linie. Auf der ganzen Linie denn auch anhaltender Beifall.

  2. Kommentare

    Bitte melden Sie sich an